Von den Möbeln zum Christbaum
«Eigentlich habe ich mit Gartenbau und Arbeit im Freien nicht viel am Hut. Doch wenn das Geld knapp wird, springt man über seinen eigenen Schatten», erzählt
Michael Keller und stellt eine Nordmannstanne zurück an ihren Platz.
Der 45-jährige Winterthurer arbeitet seit knapp zwei Jahren für die Sozialfirma Läbesruum in Winterthur und ist seit dem 13. Dezember für den diesjährigen Christbaumverkauf verantwortlich. «Läbesruum» beschäftigt unter anderem Personen, denen die Jobsuche schwerfällt oder die aufgrund ihres Alters, der Sprache sowie gesundheitlicher Probleme keinen Einstieg mehr in das Berufsleben finden.
Hauptsache Arbeit
Auch Michael Keller befand sich in einem beruflichen Tief, als er sich beim Läbesruum meldete. «Mein vorheriger Job in einem Möbelgeschäft führte zur totalen Überbelastung», erinnert sich der Winterthurer zurück. Durch den ständigen Personalabbau seien viele Arbeiten liegen geblieben, denen Michael Keller hinterherrennen musste. «Ich opferte meine Freitage für die Arbeit und erledigte Dinge, die andere nicht sauber gemacht hatten.»
Irgendwann habe es ihm gereicht. Michael Keller kündigte seinen Job und war von einem Tag auf den anderen arbeitslos. «Ich schrieb viele Bewerbungen. Leider war keine davon erfolgreich», erzählt der gelernte Handwerker. Einige Zeit später wurde er auf den Läbesruum aufmerksam. Er habe sich dort angemeldet und schon zwei Tage danach zu arbeiten beginnen können.
Nachdem er einen Tag die Quartierzeitung «Sprachrohr» verteilt hatte, wurde er in den Bereich Gartenbau und Unterhalt eingeteilt. «Ich bin überhaupt nicht der Mensch, der gern draussen arbeitet. Trotzdem brauchte ich das Geld und war froh, überhaupt einen Job zu haben.» Eineinhalb Jahre war Michael Keller im Gartenbau tätig, bis ihm seine Gesundheit in den Weg kam. «Ich bekam Probleme mit der Schulter und meinem Rücken. Jetzt bin ich nur noch als Hilfsarbeiter bei unregelmässigen Einsätzen tätig.»
Der Traum vom Diplom
Ausserdem kümmert er sich zum ersten Mal um den Verkauf der Christbäume. Seit 13. Dezember steht Michael Keller täglich auf dem Vorplatz des Läbesruum-Lädeli an der Pflanzschulstrasse 17 und verkauft Christbäume an die Bevölkerung. «Diese Arbeit macht mir grossen Spass», sagt der 45-Jährige. Auch die gesprächigen Kunden bereiten ihm täglich Freude. Oft seien sie auch für einen Spass zu haben oder verwickelten die Mitarbeiter in ein Gespräch.
Obwohl der richtige Baum lange gesucht werde, sei für ihn immer klar, wer schliesslich den Passenden aussuche: «Bei Liebespaaren hat die Frau das letzte Wort, bei Familien wählen meist die Kinder. Die Eltern sind sehr kulant, wenn es um den Christbaum geht», sagt Michael Keller zufrieden. «Der Mann bezahlt. So will es die Regel», fügt er lachend an.
Obwohl Michael Keller täglich Christbäume verkauft, hat er selber keinen zu Hause. «Ich verbringe Weihnachten bei meinen Eltern. Bei mir zu Hause ist darum kein Baum nötig», erklärt er diesen Umstand. Weihnachten bedeute für ihn, mit den Liebsten zusammenzukommen und sich über das Leben des anderen auszutauschen.
Trotz den vollgepackten Arbeitstagen beim Läbesruum denkt Michael Keller bereits an die Zukunft.
«Im Januar beginnt meine Umschulung an der Schweizer Bildungsinstitution AKAD zum Sachbearbeiter Rechnungswesen.» Sein Ziel sei, die Schulung erfolgreich abzuschliessen. Er würde es schön finden, wenn er begleitend dazu bald einen Bürojob fände. An Motivation fehlt es ihm nicht: «Ich gebe mein Bestes, um ein Diplom zu erhalten. Ich will wieder erwerbstätig und unabhängig sein.»

