Schrauberei im Schneeregen
«Von O bis O». So lautet die Eselsbrücke für die Faustregel, wie lange die Sommerpneus am Auto sein sollen. Dass die Buchstaben für «Ostern bis Oktober» stehen weiss ich zwar. Ich übersetze das aber anders. Im Frühling mit der Frage: «Ob ich wohl bald einmal Musse habe, die Reifen zu wechseln?» Und im Herbst mit der Feststellung: «Oh verdammt, es schneit».
Wie letzten Montag, als ich die Aussicht auf einen erholsamen Morgen nach einem Sonntagsdienst im Büro spätestens dann beerdigen musste, als ich die Fensterläden öffnete und einen von weissen Flaum überzogenen Garten erspähte. Statt ausgedehntem Faulenzen also die Winterpneus aus dem Keller holen und ab ans Werk.
Im Schneeregen kurbelte, schleppte und schraubte ich. Fünf Schrauben lösen, Rad wechseln, fünf Schrauben wieder anziehen. Rad für Rad. Das Ganze eine Weile lang kritisch beäugt von einem Passanten, der so aussah als würde er mich gleich fragen: «Wächsled sie d Pnöö»? «Nein, ich nehme ein Schaumbad», hätte ich ihm geantwortet. Und je länger er da stand begann mich zu fragen, ob er ein Freak ist oder ob es tatsächlich so ungewöhnlich ist, dass einer selber seine Reifen wechselt.
Im Rennsport ist das ja quasi eine eigene Disziplin, in der die Mechaniker auf Tempo getrimmt werden. Ich brauchte dafür statt einiger Sekunden über eine halbe Stunde. Doch erstens ist mein Auto kein Rennwagen, sondern ein eher untermotorisierter Göppel der mich von A nach B bringen soll. Und zweitens spare ich so Geld, Zeit und habe keinen Stress, einen Termin beim Garagisten zu finden, der sicher nie dann kann, wenn es mir passt.
Den Wechsel im letzten Frühling musste ich doch in einer Garage machen, weil ich neue Sommerpneus brauchte. Die Winterpneus müssten auch ersetzt werden, beschied man mir damals, sie seien abgefahren. Was ich nicht glaubte – zurecht, wie eine Profilmessung ergab. Der geschäftstüchtige Garagist kam damit nicht nur um ein Geschäft, sondern verlor auch einen Kunden. Und ich habe umsomehr Grund, zweimal pro Jahr selber Hand anzulegen. Auch wenns jedes Mal auf den letzten Drücker ist und schräge Zaungäste anlockt.

