Der «Scharfmacher» aus Volketswil
Rabatt? «Rabat ist die Hauptstatt von Marokko», pflegt Carl Meyer zu sagen, wenn ihn jemand nach einem Preisnachlass fragt. Rabatte gibt der Messer- und Werkzeugschleifer zwar, aber nur wenn er es will. Fährt ein Kunde mit einem Bentley vor, dann verlangt er automatisch das Maximum der Preisspanne auf der Preisliste – und sagt das auch deutlich. Die meisten akzeptierten das, sagt Meyer und legt sein Grinsen auf, das warmherzig, aber auch ein wenig dreckig ist.
Wenn er jedoch merkt, dass jemand knapp bei Kasse ist, schleift er schon mal günstiger – oder verzichtet ganz auf Bezahlung. So gesehen ist der Volketswiler also eine Art Robin Hood der Messerschleifer – hier in seinem kleinen Werkstattwagen gleich neben der Migros in Egg.
Nicht für Geld
«Etwa zehn Prozent ist Gratisarbeit», schätzt Meyer. «Aber ich habe mit diesem Job nicht angefangen, um reich zu werden. Tatsächlich würde es kaum reichen, um eine Familie zu ernähren.» Doch er wollte sein handwerkliches Geschick, seine Liebe für Präzision einsetzen.
Mit den Händen arbeitete der heute 58-Jährige nur ganz zu Beginn seiner beruflichen Karriere – während seiner Ausbildung zum Karosseriespengler. Dann kam erst einmal ein anderes Talent von ihm zum Zug: das Marketing. Meyer verkaufte Versicherungen, Baumaschinen, Schmiermittel und als Key Account Manager medizinische Gase. Bis er schliesslich genug hatte vom Verkauf und berufsbegleitend eine Ausbildung zum Psychotherapeuten absolvierte – und bald merkte, dass er eigentlich immer noch das Gleiche tat. «Ich verkaufte den Menschen Lösungen, auf die sie selber nicht gekommen sind.»
Immer noch Verkäufer
Ein Handwerker betritt den Anhänger, will die Klinge seines Multifunktionsmessers schärfen lassen. Meyer legt die Klinge auf das rotierende Schleifband. Nach einer halben Minute hat der junge Mann sein Werkzeug zurück. Geld will Meyer dafür keines. «Das ist beste Werbung», meint er, ganz der Verkäufer, der er halt noch immer ist.
Als Messerschleifer begonnen hat Meyer vor acht Jahren. Er hatte gelesen, dass der Unternehmer Mathis Bolleter seinen Schleifservice verkaufen wollte, und schaute sich das Ganze an. Die Arbeit gefiel ihm, und auch die «Bastelbude», wie er den Werkstattwagen nennt. Also liess er sich in die Kunst des Schleifens einführen und fing als einer von mehreren Franchisenehmern an.
Schlechter Ruf
Das war von Anfang an auch ein Kampf für ein gutes Image. «Unserem Berufsstand haftet immer noch der Ruf an, dass wir alles Halunken sind.» Das komme von den Messerschleifern, die von Haus zu Haus zögen und häufig schlechte Arbeit ablieferten. Eine eigentliche Konkurrenz seien die aber nicht.
Vor fünf Jahren schliesslich kauften Meyer und drei weitere Schleifer die Firma und teilten das Gebiet unter sich auf. Seither ist er als «der Scharfmacher» auf eigene Rechnung in den Bezirken Uster, Hinwil, Pfäffikon und Meilen unterwegs. Scharfmacher? «Ja, das ist durchaus zweideutig gemeint», sagt Meyer augenzwinkernd.
Zotige Sprüche
Der Auftritt des nächsten Kunden passt da perfekt. Er legt ein gutes Dutzend Messer und Scheren auf den Tresen und reicht ein paar zotige Sprüche nach. Meyer kontert, ist sofort beim Du. So geht das hin und her, bis sich der Kunde schliesslich mit einem ziemlich schmutzigen Witz verabschiedet. Marcela Marek verdreht die Augen. Männer …
Marek ist Meyers Lebenspartnerin und hilft ihrem Scharfmacher aus, seitdem sie ihre Psychotherapiepraxis aufgegeben hat. Dass der Platz in der engen Bude eigentlich gerade einmal für eine Person reicht, ist Meyer ganz recht. «So kommt es immer wieder zu Körperkontakt.» Nicht schlecht, nach 15 Jahren. Marcela Marek freut sich, dass ihr Partner glücklich ist: «Der kann sich hier entfalten, ohne dass ihm jemand dreinredet.»
«Als Manager kann man nicht glücklich sein»
Meyer bereute seinen Schritt vom Kader zum Handwerk bisher keine Sekunde. «Als Manager kann man nicht glücklich sein», ist er sich sicher. «Jeder, der etwas anderes behauptet, der lügt oder macht sich etwas vor.» Man fange jedes Jahr bei Null an, egal, wie gut das Vorjahr war. Und wenn es dann mal eine schlechte Periode gebe, werde die Anstellung gleich überprüft. «Man ist für vieles verantwortlich, hat aber nur beschränkte Handlungsmöglichkeiten. Das sorgt für Stress und Frust, und das kompensieren Manager mit Geld und Ansehen.»
Die Kunden erscheinen im 5-Minuten-Takt, der Stapel mit den Auftragszetteln wird immer höher. Für ein Schwätzchen ist dennoch immer Zeit. Rund 50 Prozent seiner Kunden kämen immer wieder, wenn er im Ort ist, sagt Meyer. Manche hätten gar keine Messer oder kein Werkzeug zum Schleifen, sondern brächten einfach einen Kaffee vorbei.
Alle gleich – ausser Bentley-Fahrer
Dass sein Kundenstamm die unterschiedlichsten Milieus umfasst, freut Meyer besonders. Er schärft Klingen zum Lamaschären und chirurgische Scheren, er übernimmt Aufträge von Restaurants, Altersheimen, vom Tierspital, von der Polizei – oder der Schule, was bedeutet, dass er über den Sommer mal eben 2500 Scheren schleift. Meyer: «Alle Leute werden hier gleich behandelt.» Nur Bentley-Fahrer müssen halt ein wenig tiefer in die Tasche greifen.

