Verzweifelt gesucht: der G-Punkt
Ende der 1980er Jahre kam er so richtig auf, der G-Punkt. Endlich konnten wir Männer quasi auf Knopfdruck zu superguten Liebhabern werden. Und zwar so richtig. Und wer wollte das nicht? Bewundert von den Frauen, beneidet von den Kerlen. Die Frage war nur: Wo ist dieses Ding? Ich kann mich noch gut erinnern, wie diejenigen, die ihn gefunden hatten, in der Männerrunde freudestrahlend von ihrem Erfolg erzählten.
Es waren richtige Abenteuergeschichten über Exkursionen in unbekannte Gebiete voller Gefahren. Und dann waren da noch die anderen, die während diesen Erzählungen nur säuerlich lächelten. Das waren die Loser, die ihn nicht gefunden hatten. Die sind heute sicher Versicherungsvertreter oder Investmentbanker oder Journalisten. Ich hab ihn nämlich auch nicht gefunden, niemals, bis heute nicht.
Okay, vielleicht hatte ich einfach nicht dir richtige Ausrüstung. Ich weiss ja nicht, ob die anderen mit Stirnlampe und Spezialwerkzeug unterwegs gewesen waren.
Ein deutscher Arzt hatte den G-Punkt im Jahr 1950 an der vorderen Vaginalwand entdeckt. Der Mann hiess Ernst Gräfenberg, deshalb das G vor dem Punkt. In den folgenden Jahrzehnten genoss der G-Punkt unterschiedliche Popularitätsphasen. Nach dem Höhepunkt in den 1980er und 1990er Jahren war er Anfang der Nullerjahre plötzlich weg aus der öffentlichen Wahrnehmung.
Ohne einen festen Platz in den Anatomie-Lehrbüchern war er zum Mythos geworden. So, wie das Seeungeheuer von Loch Ness: Immer mal wieder von Einzelnen gesehen, aber aus Mangel an Beweisen irgendwann vergessen. Oder zumindest fast. Frauenmagazinen sei Dank, wurde der G-Punkt ab und zu wiederbelebt, und dies besonders gerne in der Saure-Gurken-Zeit.
Ob es immer noch Horden von Männern gibt, die sich – mit welcher Ausrüstung auch immer – auf die Suche machen? Ich wage es zu bezweifeln. Denn wie wenn die Sache noch nicht kompliziert genug wäre, tauchten in letzter Zeit auch noch mehrere Kollegen des G-Punkts auf. So etwa der A-Punkt und der U-Punkt. Eine genaue Wegbeschreibung will ich an dieser Stelle nicht abgeben, um nicht noch weiter Verwirrung zu stiften.
Und dann wollen wir auch nicht die britischen Forscher vergessen, die 2010 herausgefunden hatten, dass es den G-Punkt gar nicht gibt. Sie hatten Hunderte Zwillinge zum Gräfenberg-Punkt befragt mit dem Hintergedanken, dass eineiige Zwillinge die gleichen Antworten geben müssten. Taten sie aber nicht.
Und so titelte die «Bild»-Zeitung aufklärerisch: «Den G-Punkt gibt es gar nicht!» Einige Tage später folgte die nächste Schlagzeile: «Der G-Punkt existiert doch!» Französische Forscher hatten nämlich revoltiert und erklärt, dass das keine Frage der identischen Gene sei, sondern der Anwendung. Wie beim Lichtschalter: Wer ihn nicht drückt, der bleibt im Dunkeln sitzen.
Doch was soll dieses Hin und Her, wo wir doch ganz in der Nähe eine Expertin haben, die die ganze Wahrheit wissen muss? Esther Elisabeth Schütz heisst sie und leitet das Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie ISP in Uster. Schütz hätte gar nichts dagegen, wenn der G-Punkt endgültig als Mythos entlarvt werden würde. «Dann wären wir nämlich wieder bei der Einsicht, dass das sexuelle Empfinden bei jedem Menschen anders ist.»
Das Problem sei, dass sich viele Frauen auf die Klitoris konzentrierten und gar keine vaginalen Orgasmen erleben könnten. «Das Innere der Scheide ist bei vielen nicht an Sex, nicht an Erregung gekoppelt.» Es sei nämlich tatsächlich so, dass sich hinter dem vermeintlichen G-Punkt ein Nervengeflecht befinde, zwischen Vagina und Harnröhe. Diese Nerven reagierten auf Stimulation.
Letztlich sei aber die ganze Scheide eine erogene Zone. «Das zu erfahren, ist lernbar», so Schütz. Dies erst einmal, indem die Frau ihre Vagina und die dazugehörigen Empfindungen erkunde. Durch die Bewegung des Beckenbodens wird die Durchblutung und demzufolge die Empfindung verstärkt.
P.S. Vielen Dank, Frau Schütz, für diese interessanten Ausführungen. Und dass Sie mich nach vielen erfolglosen Exkursionen rehabilitiert haben: Ich bin demnach also kein Loser.
P.P.S. Übrigens, liebe Leserinnen und Leser, ich habe kürzlich den B-Knopf entdeckt («B» steht für Bacher, wir verstehen uns), ich verrate aber nicht, wo er ist. Ätschibätsch!

