Politik

Zwischen Bauschutt und Studium

Unter dem Jahr studiert Annelies Schwizer in Calgary Wirtschaft. Zurzeit arbeitet sie auf einer Baustelle in Winterthur und fährt einen Dumper. Dass die 25-Jährige nur von Männern umgeben ist, ist für sie kein Problem.

Zwischen Bauschutt und Studium

Die 25-jährige Annelies Schwizer arbeitet seit Mai dieses Jahres durchgehend auf der Baustelle Hegmatten, direkt neben dem Schloss Hegi. Es entsteht ein Rückhalteraum für Hochwasser, der das Stadtzentrum vor Überschwemmungen schützen soll. Die Hauptaufgabe von Annelies Schwizer: mit einem sogenannten Dumper verschiedene Belagsmaterialien herumzufahren und ihre Mitarbeiter auf der Baustelle damit zu beliefern.

Mit ihrer Familie wanderte Annelies Schwizer als Fünfjährige nach Calgary in der Provinz Alberta in Kanada aus. Dort wuchs sie auf einem Bauernhof auf. «Auf unserer Farm entwickelte ich mein Flair für grosse Maschinen. Ich fuhr viele verschiedene Fahrzeuge», erinnert sich die Schweiz-Kanadierin. 2009 kehrte Annelies Schwizer in die Schweiz zurück, entschied sich aber 2012, in Calgary Wirtschaft zu studieren. Da das Schulsystem in Kanada sich von dem in der Schweiz grundlegend unterscheidet, hätte sie für ein Studium in der Schweiz nicht die richtigen Qualifikationen gehabt.

Bleib dir selber treu

Inzwischen befindet sich die 25-Jährige im letzten Semester ihres Studiums an der Mount Royal University. Um dieses bezahlen zu können, kommt sie jeweils während der Sommerferien in die Schweiz, um auf Baustellen in der ganzen Schweiz zu arbeiten. «Ein Job im Büro wäre mir viel zu langweilig. Auf der Baustelle bin ich an der frischen Luft und kann mich körperlich betätigen. Das Fahren des Dumpers macht mir sehr grossen Spass», begründet sie ihre Berufswahl. Die 25-Jährige mag den Alltag auf der Baustelle. Angst davor, die einzige Frau zu sein, hatte sie nicht. Man müsse einfach sich selber treu bleiben und unkompliziert denken können. Das rät sie allen Frauen, die sich in einer männerdominierten Berufswelt verwirklichen wollen. «Es muss dir egal sein, was andere über dich denken», fügt sie an.

Eine Schwierigkeit gibt es allerdings für die taffe Annelies Schwizer: «Wenn ich pinkeln muss und kein Toi-Toi in der Nähe ist, habe ich ein Problem», erklärt sie lachend.

Baumeisterverband: « Man darf keine Sonderbehandlung verlangen»
Wie der Baumeisterverband Zürich/Schaffhausen bestätigt, ist es Tatsache, dass immer noch wenige Frauen einen Beruf im Bauwesen ausüben. Die Entwicklung sei zwar langsam, aber stetig, so Markus Hungerbühler, Geschäftsleiter des Baumeisterverbands Zürich/Schaffhausen. «In unserem Verbandsgebiet schliessen pro Jahr ein bis zwei Frauen eine Lehre im Bauwesen ab», erklärt er. Dies liege vor allem an der körperlichen Belastung, die nicht zu unterschätzen sei. Viele Frauen wollen sich dieser nicht aussetzen. Der Gesamtanteil von Frauen, die auf dem Bau arbeiten oder eine Lehre als Maurerin beginnen, beträgt ungefähr 1 Prozent.

Der 41-jährige Geschäftsleiter rät: «Wenn man als Frau in die Baubranche will, muss man sich von Anfang an bewusst sein, was einen erwartet. Es darf keine Sonderbehandlung durch das andere Geschlecht verlangt werden.» Zudem weist er darauf hin, dass man Durchhaltewillen brauche und ein selbstsicheres Auftreten haben sollte. «Der Umgang untereinander auf der Baustelle kann hart und direkt sein. Dem muss man auch als Frau gewachsen sein, und dies darf nicht unterschätzt werden.»
Grundsätzlich stelle er aber fest, dass die Akzeptanz von Frauen im Bauberuf gut sei und auch keine Vorurteile mehr bestünden.

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