Politik

«Schweizer jammern auf hohem Niveau»

Das im Jahr 1986 eröffnete Kinderheim Selam feiert am kommenden Wochenende seinen 30. Geburtstag. Christoph Zinsstag, Geschäftsführer des Pfungener Hilfwerks, blickt zurück.

«Schweizer jammern auf hohem Niveau»

30 Jahre Hilfe für äthiopische Kinder. Das von der gebürtigen Äthiopierin Zahai Röschli gegründete   Kinderheim Selam feiert Geburtstag. Vom 30. September bis 2. Oktober findet in der reformierten Kirche Oberwinterthur das Jubiläumsfest statt.

Ein glücklicher Zufall

Christoph Zinsstag lernte das Projekt der Familie Röschli mehr durch Zufall kennen. Der Geschäftsführer aus Unterstammheim erzählt: «Meine Frau bekam in den 80er Jahren ein Buch in die Hände, das von der Adoptivmutter von Zahai Röschli, Marie-Luise Röschli, geschrieben wurde. Dadurch erfuhren wir vom Projekt Selam.» Ausserdem habe er den vierteljährlichen Freundesbrief abonniert, der jeweils von Marie-Luise Röschli verfasst wurde.

Ab 1992 lebte Christoph Zinsstag mit seiner Familie vier Jahre auf einer Missionsfarm in Namibia. «Da wir selbst sahen, dass es damals in Afrika zwar viele Schulen, aber keine praktischen Berufsausbildungen gab, waren wir sehr fasziniert, wie David Röschli, der Adoptivvater von Zahai, das Ausbildungszentrum für Selam aufgebaut hatte», erklärt der zweifache Familienvater. Doch es dauerte bis zur 20. Geburtstagsfeier von Selam 2006, bis ein direkter Kontakt mit der Familie Röschli zustande kam. Dort nahm Christoph Zinsstag die Chance wahr und trat dem Verein bei. Drei Jahre später war er Mitglied im Vorstand und wurde 2011 zum Geschäftsführer ernannt.

Innerhalb der letzten sechs Jahre besuchte er Äthiopien 14-mal. Trotzdem schockt es den 58-Jährigen manchmal noch, wenn er die Unterschiede zur Schweiz sieht. «In Äthiopien ist die Kluft zwischen Arm und Reich viel grösser. Es gibt Einzelne, die ein grosses Auto fahren und sich alles leisten können. Und neben deren Villen ­bettelt ein Kind für Essen», schildert er seine Eindrücke. Ein grosses Problem seien die sanitären Anlagen. Wenige Haushalte verfügen über eine Toilette oder einen funktionierenden Wasseranschluss. «Durch die vielen Besuche dort wurde mir klar, dass wir in der Schweiz oft auf hohem Niveau jammern», stellt er fest. Das   Kinderheim und die Ausbildungszentren hätten ein angemessenes Level. Die Kinder kriegen drei Mahlzeiten am Tag, wohnen in anständigen Häusern und haben fliessend Wasser. Und das Wichtigste für Christoph Zinsstag: Liebe und Zuwendung.

Rundum dankbar

Christoph Zinsstag sieht es als Privileg, bei so einem Projekt mithelfen zu können. Eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe sei ihm wichtig. Seit sechs Jahren liege die operative Verantwortung ganz bei den Äthiopiern. Seine Aufgabe sei das Begleiten, Ermutigen, Nachfragen und das Vermitteln zwischen den Kulturen. «Der gemeinsame christliche Glaube hilft uns dabei sehr. Wo gegenseitiges Vertrauen besteht, können offen Probleme angesprochen und Lösungen entwickelt werden, die nicht von aussen aufgesetzt sind. Dann haben wir eine gute Entwicklungszusammenarbeit.»

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