Zwischen Hungern und Fressattacken
Das Bild auf der Leinwand in der Aula der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) zeigt ein hübsches, schlankes Mädchen im Bikini am Strand. «Das bin ich auf meinem Weg in eine veritable Essstörung», erklärt Morena Diaz, eine junge Bloggerin, die im Rahmen der Informationskampagne zum positiven Körperbild ihre eigene Geschichte erzählte.
Obwohl sie für ihr Leben gerne esse und mit Sport eigentlich gar nichts anfangen könne, habe sie, befeuert durch Bilder auf den sozialen Medien, begonnen, exzessiv Sport zu treiben. Täglich habe sie Stunden im Fitnessstudio verbracht und ihren Körper gestrafft und geformt, um einem vermeintlichen Schönheitsideal gerecht zu werden.
Manipulierte Bilder
Wer schlank und schön ist, ist auch erfolgreich. Das gaukeln uns nicht nur die Schönheitsindustrie, sondern auch ganz viele Promis, Politiker und natürlich die sozialen Medien vor.
«Dass wir dabei wöchentlich zwischen 2000 und 5000 idealisierten Bildern ausgesetzt sind, die digital manipuliert wurden, ist uns dabei kaum bewusst», mahnte Brigitte Rychen von der Fachstelle Prävention Essstörungen Praxisnah (PEP) in ihrem Referat, das sie im Rahmen einer Infoveranstaltung an der Kantonsschule in Wetzikon hielt – einer Veranstaltung, die Teil einer Matura-Arbeit ist.
So eifern vor allem junge Leute immer häufiger dem scheinbar «perfekten Körper» nach und quälen sich zwischen Diäten und exzessivem Sport. «Wer nicht der Norm entspricht, kämpft oft mit Schuld- und Schamgefühlen», so Rychen. Was jedoch mit einer oft harmlosen Diät beginne, entwickle sich nicht selten zu einer gesundheitsschädigenden und manchmal sogar lebensbedrohenden Essstörung.
Auch Diaz entwickelte eine solche Essstörung. Als sie während des Studiums keine Zeit mehr für Sport fand, begann sie aus Frust zu essen. «Ich ass nicht normal, ich hatte richtige Fressattacken, nach denen ich mich miserabel fühlte und wieder hungerte», erzählte die quirlige Bloggerin.
Frauen sehen sich kritischer als Männer
Dass vor allem Frauen ein weniger positives Körperbild haben, verdeutlichte Rychen eindrücklich mit einer Frage ans Publikum. «Wer findet sich attraktiv?», fragte sie zuerst die Frauen, worauf nur Morena Diaz und sie selbst die Hand hoben. Bei der gleichen Frage an die Männer hoben rund ein Viertel der Angesprochenen die Hand. «Die Selbstwahrnehmung der Geschlechter ist komplett verschieden. Ein Mann kauft eine Hose, die ihm gefällt und passt. Eine Frau kauft eine Hose nach der Grösse, und wehe, sie passt nicht.»
Schwierig werde es dann, wenn sich das Selbstwertgefühl über das Aussehen definiere. «Wenn junge Frauen plötzlich die Badi meiden und sich zurückziehen, sollte man aufmerksam werden», so die Präventionsfachfrau. Eltern und Lehrer seien Vorbilder, und wenn auch diese ständig Diäten machten, davon redeten oder viel Zeit im Fitnessstudio verbringen würden, dann transportiere auch das eine Botschaft.
Kommentare, die treffen können
An die Schüler gewandt, mahnte Rychen: «Auch ihr seid Vorbilder. Kommentare zum Körper tun verdammt weh.» Das bestätigte auch Diaz und rief die Anwesenden ebenfalls auf, auf ihre Kommentare betreffend Körper und Aussehen zu achten. «Heute stehe ich zu meinen ‹Bauchrölleli›.
Der Weg dahin war lang, und geschafft habe ich ihn nur dank meinem Blog und einer Therapie», erzählte die junge Frau. Sich so zu mögen, wie man eben sei, sei das Ziel. Dazu brauche es Toleranz gegenüber der Vielfältigkeit und Respekt, sagte Rychen, denn «No body is perfect».
Diese Schlussworte waren ganz im Sinne von Andrina Vogt und ihrer Kampagne «Be-you-tiful – like your body!», mit der sie ihre Schule dazu anregen wollte, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Teile ihrer Präventionskampagne, die mit eindrücklichen Gedichten der Lyrikerin Laura Noe Anderson umrahmt waren, will die Gesundheitsprävention Schweiz jetzt sogar übernehmen. Auch die beiden betreuenden Lehrer von Vogts Maturarbeit wissen: Das Thema gehört auf jeden Fall an die KZO.
(Martina Gradmann)

