Politik

Wenn Alltägliches zur Herausforderung wird

Im Wohnheim Sonnenberg in Winterthur leben zurzeit 18 Menschen mit Demenz. Wegen ihrer Erinnerungslücken werden für sie einfache Dinge im Alltag zur Schwierigkeit.

Wenn Alltägliches zur Herausforderung wird

Die Schlüssel im Kühlschrank aufbewahren oder ein paar Strümpfe in den Backofen legen, für viele ein völlig absurdes Szenario. Für Menschen mit Demenz sind solche Verhaltensweisen keine Besonderheit. «Ganz alltägliche Aufgaben werden für sie zur Herausforderung», sagt Philippe Delannoy. Der gelernte Gastronom ist seit 1999 Heimleiter im Wohnheim Sonnenberg in Winterthur, das von der Stiftung Hülfsgesellschaft Winterthur vor 60 Jahren eröffnet wurde. Tagtäglich hat er dort mit Demenzbetroffenen zu tun.

Sozialer Rückzug

In der denkmalgeschützten Villa mit grossem Garten leben insgesamt 18 Bewohner, darunter auch Akademiker. Wie der Heimleiter bestätigt, ist die Krankheit nicht heilbar, könne jeden treffen und sei nur schwer zu diagnostizieren. «Alles beginnt mit einer einfachen Vergesslichkeit und steigert sich dann fortlaufend immer weiter», sagt Philippe Delannoy. Die zunehmenden Gedächtnislücken können nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch deren Angehörige überfordern. Eine direkte Konfrontation sei meist nicht die beste Lösung: «Sie versuchen dann, ihre Vergesslichkeit zu kaschieren oder ziehen sich sozial zurück», sagt der Heimleiter.

Verschlossene Tür zur Sicherheit

Auch Margaretha Furrer hat bereits ähnliche Erfahrungen mit Menschen mit Demenz gemacht. Sie ist seit fünf Jahren Pflegedienstleiterin im Wohnheim Sonnenberg. Angehörigen empfiehlt sie, von vergangenen Gewohnheiten der Person loszulassen. «Man darf nicht versuchen, den Filmriss zu reparieren. Ihre Uhr tickt nicht mehr wie unsere. Die Krankheit verändert sie», erklärt die Pflegedienstleiterin. Im Sonnenberg werden deshalb alle Mitarbeitenden speziell geschult. Mit dem ­nötigen Fachwissen könne man auf die Wünsche und Bedürfnisse der Bewohner eingehen.

Neben den vielen Freiheiten gelten im Wohnheim für Menschen mit Demenz aber auch gewisse Regeln. Die Haustür bleibt zum Beispiel immer abgeschlossen – «aus ­Sicherheitsgründen», wie Philippe Delannoy erklärt. Es könne vorkommen, dass sich Bewohner verliefen, weil ihr Gedächtnis sie im Stich liesse. Für selbständige Spaziergänge steht ihnen deshalb der eingezäunte Garten hinter dem Haus zur Verfügung. Regelmässig werden zudem Ausflüge angeboten, zum Beispiel in die Winterthurer Altstadt oder zum Spazieren aufs Rosinli.

Philippe Delannoy und Margaretha Furrer schätzen die spannende und vielseitige Arbeit. «Wenn mir jemand vor 30 Jahren gesagt hätte, dass ich einmal in einem Wohnheim für Menschen mit Demenz arbeiten würde, hätte ich laut gelacht», gesteht Mar­garetha Furrer. Heute ist sie froh, mit ihrer Arbeit und Unterstützung im Wohnheim Sonnenberg in Winterthur etwas bewirken zu können.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.