Le-Parfait-Torten für den Tierschutz
In den Rezepten für die Backwaren von Berta Stüssi sind neben Eiern oder Mehl auch Zutaten wie Hackfleisch, Käsescheiben oder Kabeljau aufgeführt. Ihre Kreationen werden dann auch nicht von Menschen, sondern von Hunden verspeist. «Ich werde oft gefragt, ob es eine Bäckerei für Hunde wirklich braucht», sagt die 51-jährige Eggerin. Sie gibt zu: Die Antwort müsste eigentlich nein lauten. «Doch wir leben in einem solchen Luxus, dass wir auf vieles verzichten könnten», sagt Stüssi. «Mit meiner Arbeit will ich aber etwas bewirken.»
Die Eggerin spendet alle Einnahmen, die sie mit dem Verkauf von Hundeguetsli oder -kuchen verdient, an Tierschutzorganisationen im In- und Ausland. «Ich überlege mir immer wieder, ob ich einmal an einem Einsatz vor Ort teilnehmen soll», sagt Stüssi, «etwa in Rumänien, wo das Hunde-Elend ganz besonders schlimm ist.» Doch bisher habe sie den Mut nicht aufgebracht. «Ich habe grossen Respekt vor den Personen, die den Tieren direkt helfen. Aber ich weiss nicht, ob ich das Elend ertragen würde.» Darum helfe sie auf ihre Art und unterstütze die Organisationen finanziell – mit dem Hauptziel, dass möglichst viele Tiere kastriert werden können. In der unkontrollierten Vermehrung von Strassentieren sieht Stüssi nämlich den Ursprung vielen Leids.
Kätzchen gerettet
Ein erschütterndes Schlüsselerlebnis hatte sie bereits im Al ter von sechs Jahren: «Ich habe damals beobachtet, wie einige Teenager an einer Schnellstrasse immer wieder Gegenstände aus einem Sack nahmen und vor heranrasende Autos warfen», erzählt sie. «Als ich näher kam, sah ich, dass es junge Kätzchen waren.» Sie habe den Sack gepackt und sei damit nach Hause gerannt. Sie konnte dadurch das Leben von drei Kätzchen retten.
«Ich habe danach immer wieder verletzte Tiere nach Hause gebracht und gesund gepflegt», sagt Berta Stüssi. «Doch einen Hund durfte ich als Kind nie haben.» Diesen Wunsch konnte sie sich erst als Erwachsene erfüllen. Seither wird sie stets von mindestens einem Vier-beiner begleitet.
Jede Woche neue Anfragen
Ihre Hündin Wendy hat ihr den Anstoss gegeben, sich mit selbst gebackenen Produkten für Hunde auseinanderzusetzen. Denn im letzten Oktober wurde Wendy zehn Jahre alt. An diesem Tag feierten Stüssi und ihr Mann mit bekannten Hundeliebhabern ein kleines Fest in Zollikon. Sie nutzte die Gelegenheit, den Geburtstag ihrer Hündin für einmal speziell zu feiern. «Ich machte ihr und den anderen Hunden aus Spass kleine Geburtstagskuchen aus Haferflocken, Fleisch und Ei – mit Le Parfait verziert», erzählt Stüssi. Die Bekannten hätten zuerst gemeint, die Gebäcke seien für sie gedacht. «Ich musste sie aber enttäuschen», sagt Stüssi. «Da die Produkte weder Salz noch Zucker enthalten, sind sie für Menschen zwar essbar, aber kein Genuss.»
Ihre Bekannten seien derart begeistert von der Idee gewesen, dass sie sofort anfragten, ob sie auch etwas bestellen könn ten. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte in der Folge gut – trotzdem hat sie sich im Winter dazu entschieden, eine eigene Website einzurichten. Ihre Hündin lieferte dabei den Namen für das kleine Business: Wendy’s Doggie Bakery. Seither kämen fast jede Woche neue Anfragen.
Viele Kunden bestellen bei ihr, um die Produkte als Geschenke weiterzugeben. Stüssi personalisiert die Guetsli auch. «Wir haben doch schon alles, da weiss man nie, was man noch schenken könnte», sagt sie. Persönliche Geschenke seien deshalb doppelt wertvolle Gesten. «Ich hoffe, durch den Verweis auf die Organisationen öffne ich gleichzeitig auch einigen Personen den Zugang zum Thema Tierschutz.»
Gesunde Alternativen
Mit der Bäckerei für Hunde wollte sie auch Hunden mit Allergien oder einem Gewichtsproblem Leckerlis ermöglichen. «Als wir Wendy von ihren Vorbesitzern übernahmen, war sie kugelrund», erzählt Stüssi. Bei ihr habe die Hündin 25 Kilogramm abgenommen, sei aber auch am Schluss noch mollig gewesen. Trotzdem wollte sie ihr ab und zu ein Leckerli geben und suchte im Internet nach Rezepten für «gesunde» Alternativen. «Es ist mir schon bewusst, dass Hun deguetsli für übergewichtige Hunde eigentlich ein Widerspruch ist», gibt Stüssi zu. «Aber wenn man mehrere Hunde hat, und nur einer davon bekommt ein Leckerli, dann ist das einfach nicht fair.» Zudem gebe es viele Hunde, die auch an gesunden Alternativen wie Äpfeln, Rüebli oder Beeren grosse Freude hätten.
«Viele bestellen bei mir, weil ihr Hund auf bestimmte Produkte, die im herkömmlichen Hundefutter verwendet werden, allergisch sind.» Gerade Getreide und Reis würden oft als Basis für Hundefutter verwendet, aber nicht alle Tiere vertragen diese Nahrungsmittel. Auch beim Fleisch gebe es bestimmte Einschränkungen. So dürfe das Tier eines Bekannten etwa nur Pferdefleisch oder Wild fressen. In den USA sei das Backen für Hunde bereits ein grosser Trend, viele Ideen und Rezepte fand Berta Stüssi in englischsprachigen Foren. Momentan ist sie auf der Suche nach Kursen für Hunde-Ernährung, um ihr Wissen noch weiter zu vertiefen.
Tierische Qualitätsprüfung
Für Menschen kocht die gebürtige Glarnerin, die vor 10 Jahren nach Egg kam, fast nie. «Das überlasse ich meinem Mann», sagt sie und lacht. «Aber ich sehe mir oft Koch- oder Back-Shows im Fernsehen an, um Ideen für meine Hundebäckerei zu sammeln.» Wendy, ohne die Stüssi nie mit den Hundeguetzli begonnen hätte, ist Mitte Juli gestorben. Seither ist Hündin Savannah für die Qualitätsprüfung in der Küche zuständig, die Stüssi von einer Tierschutzorganisation übernahm.
Obwohl Berta Stüssi momentan Vollzeit als Direktionsassistentin beim Schweizerischen Arbeitgeberverband arbeitet, dürfe die Nachfrage nach ihren Hundeguetsli gerne weiter steigen. «Wenn ich noch einmal 20 Jahre alt wäre, würde ich es wagen und voll auf die Doggy Bakery setzen», sagt Stüssi. «Doch ich bin wohl zu sehr Schweizerin, um mit über 50 noch ein solches Abenteuer zu wagen.»
Mehr Informationen zu Berta Stüssis Arbeit auf der Website www.wendysdoggiebakery.ch
