Politik

Für Studienzwecke: Rentner mit Schrittzähler und Reliefgrafik

Ausgerüstet mit Schrittzähler und Reliefgrafik, gehen Wetziker Rentner gemeinsam spazieren. Sie nehmen an einem ambitiösen Versuch der Uni Zürich teil.

Für Studienzwecke: Rentner mit Schrittzähler und Reliefgrafik

Auf dem Parkplatz an der Buchgrindelstrasse bellen Hunde. Autos fahren heran, Leute steigen aus, begrüssen sich. Aufbruchsstimmung. Die fröhliche Wandergruppe besteht aus drei Damen und einem Herrn mit Hut, alle aus Wetzikon, alle über 70 Jahre alt. Zwei haben ihren Hund dabei, eine ist mit dem Rollator unterwegs.

Doch die vier spazieren nicht nur, sie nehmen auch an einem Versuch teil, der nicht weniger als eine «völlig neue Art der Bewegungsförderung» zum Ziel hat. «Zäme go laufe» heisst er.

Der Plan: 2665 Schritte

In der Tasche der vier Wandernden zählt deshalb der Schrittzähler mit. Die Routenwahl ist vorgegeben. Parcours 3 steht auf dem Programm. 2665 Schritte werden absolviert, 24 Treppenstufen überwunden. Im Internet ist der Parcours im im Relief abgebildet. Er ist relativ flach, der nahrhafteste Anstieg beträgt gerade mal 20 Höhenmeter.

Der Weg führt um den Schön­au-Weiher herum, an Einfamilienhäusern vorbei und über den Sandweg Richtung Guldisloo-Quartier. Der Gang ist gemächlich. Die Wandernden nehmen auf Anita Utzinger Rücksicht, die mit dem Rollator unterwegs ist – obwohl sie eigentlich nicht dabei sein dürfte. Ein durchgestrichenes Rollator-Symbol auf dem Blatt zeigt an, dass der Parcours für die Gehhilfe unge­eignet ist. «Aber meine beiden Begleiterinnen helfen mir», sagt die 72-Jährige.

Test bestanden

Dass sie überhaupt mitmachen darf beim Versuch, ist alles an­dere als selbstverständlich. «Zunächst hatte es geheissen, ich sei zu schwach», sagt sie. Sie sei bereits seit Kindheit cerebral gelähmt, habe aber immer gearbeitet und nie IV bezogen, betont sie. Mit dem Älterwerden habe sich die Behinderung verschlimmert.

Teil des Versuchs ist ein monatlich stattfindender Stammtisch im Kemptner Quartierwohnzimmer; dort ging Utzinger hin und brachte den Wunsch vor, mitwandern zu dürfen. «Ich musste zeigen, dass ich vom Stuhl aufstehen und selbständig ein paar Schritte gehen kann.»

Anita Utzinger bestand den Test. Sie gehe nun einfach in der schwächsten Gruppe mit, «ich bin nun mal langsamer aufgrund meiner Behinderung». Aber miteinander gehe es. Sogar das Kemptner Tobel habe sie mit ein wenig Unterstützung gemeistert.

«E Tapferi» sei sie, sagt Margrit Grossenbacher (76) über Anita Utzinger. Und sie sei gewissermassen die Sekretärin der Gruppe, die treibende Kraft der wöchentlichen gemeinsamen Spaziergänge. Die drei Frauen kannten sich zuvor nicht.

«Top» gemacht

«Gemeinsam» ist das Wort, das im Gespräch mit allen vier Studienteilnehmern fällt. Ursi Mäschli (71), pensionierte Serviceangestellte, muss zwangsläufig aus der Wohnung hinaus. Sie hat einen Hund. «Aber zusammen mit anderen ist es lustiger.» Und es sei «noch glatt», dass man mit dem Schrittzähler unterwegs sei. Das vorgegebene Ziel zwischen 6000 und 7000 Schritten täglich schafft sie spielend. «Top» melde ihr das Gerät jeweils.

Der Aufstieg die Guldisloo-strasse hinauf reisst die Gruppe auseinander. Beim Bänkli vor dem Schulhaus wartet man aufeinander. Pause. Ein Schluck aus der Wasserflasche, ein paar Minuten sitzen.

Jürg Lüthy (74) marschiert normalerweise in einer schnelleren Gruppe. Der pensionierte Mitarbeiter des Bundesamts für Gesundheit kennt sich aus mit Präventionsversuchen, wie «Zäme go laufe» einer ist. Auch er schätzt das ­Gesellige. «Ich spaziere auch mehr allein, seit ich mitmache.» Die tägliche Schrittzahl habe er von 4000 auf 6000 gesteigert.

Chat inklusive Emoticons

Lüthy zeigt das Smartphone, das jeder Teilnehmer des Versuchs erhält. Darauf installiert ist nicht nur der Schrittzähler, sondern auch die Agenda, in der Zeit und Ort der Gruppenspazier­gänge verzeichnet sind. Und das App des sozialen Netzwerks WhatsApp. Es erlaubt das rasche Abmachen im SMS-Stil.

Aber die Mitglieder laden auch Bilder von den gemeinsamen Spaziergängen hoch und mit Emoticons verzierte Kommentare. Da stehen die Alten den Jungen in nichts nach – zumindest diejenigen, die das App nutzen. Anderen ist es zu kompliziert.

Die heikelste Passage

Kurz nach der Pause erreicht die Gruppe die heikelste Passage der Wanderung. Die Unterführung unter der S-Bahn-Linie würde Anita Utzinger allein kaum bewältigen. Sie hält sich am Geländer fest, Ursi Mäschli stützt ihren Arm, und Margrit Grossenbacher stösst den Rollator langsam die Kinderwagenrampe hinab.

Das dauert seine Zeit. Mäschli sagt zur wartenden Anita Utzinger im Scherz: «Dein Rolls-Royce kommt gleich.» Gelächter. Von aussen scheint es, als würden sich die drei Frauen schon ewig kennen. «Fast ein wenig wie Freundschaft», sagt Anita Utzinger.

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