Mir war von Anfang an klar, dass es soweit kommen wird. Die Frage war nur: Wer wird es sein? Ein Arbeitskollege? Ein Familienmitglied? Wer wird sich nicht zusammenreissen können und als Erste oder Erster ein Bild von mir auf Facebook posten? Wer wird es sein, der das unausgesprochene Gesetz missachten wird, kein Bild der Braut zu veröffentlichen, bevor sie es selber macht?
Vor drei Wochen war der lang ersehnte Tag endlich da: meine Hochzeit. Der Tag, an dem sich alles nur um mich und meinen Mann drehte – oder sind wir doch ehrlich: um mich. Ich war es, die das tolle Kleid trug, die stundenlang beim Coiffeur und danach bei der Kosmetikerin sass, die den pompösen Einzug am Arm des Vaters hatte. All eyes on me.
Und in unserer Zeit bedeutet dies eben auch: All cameras on me. Nicht nur die der gebuchten Fotografin, sondern auch die der Smartphones meiner Gäste. Das störte mich ja auch überhaupt nicht und ich strahlte darum in jede Linse, die mir vor das Gesicht gehalten wurde. Umarmung da, Küsschen dort, Selfies überall.
Wenn ich als Gast an eine Hochzeit eingeladen bin, kommt es mir nicht in den Sinn, ein Bild des Brautpaars zu veröffentlichen. Auch wenn Personen auf Fotos vor der Veröffentlichung prinzipiell immer gefragt werden sollten, ob es für sie in Ordnung ist, gilt dieser Grundsatz an Hochzeiten mit noch mehr Nachdruck. Aber es ist wie immer – nicht alle denken gleich wie ich. Und darum fragte ich mich jedes Mal, wenn ich mit einem der Gäste für ein Bild posierte: Wer wird es sein?
Ich freute mich gemeinsam mit meinen Gästen, feierte und war, was man an diesem Tag sein sollte: einfach nur glücklich. Mein eigenes Smartphone war weit weg in einer Tasche verstaut. Ich war auch am nächsten Tag wohl noch die einzige, die kein Bild von mir selber besass und demnach auch auf Facebook noch keine Spur der Veränderung hinterliess.

