Süsser Schmerz
55 Franken zahlte meine Kollegin für eine professionelle Haarentfernung an den Beinen durch «Sugaring», das Ausreissen der lästigen Härchen mit einer Paste aus Zucker, Zitronensaft und Wasser. Für Sparfüchse und experimentierfreudige Masochisten hat der Markt natürlich auch das Produkt zur Anwendung zu Hause hervorgebracht.
Süsswax heisst das Zauberwort beziehungsweise -produkt, und es lässt sich für weniger als 10 Franken pro 500 Gramm bequem im Internet bestellen. Da die Konsistenz je nach Umgebungstemperatur variiert, bietet die Firma vier verschiedene Zuckerpasten an – für die Anwendung bei 21, 24, 27 und 30 Grad Celsius. Da ich noch nicht allzu tiefes Vertrauen in unseren Sommer habe, bestelle ich mir die Paste, die bei 21 Grad ihre Arbeit erledigen sollte.
Eine Woche später steht das Töpfchen bei mir zu Hause auf dem Tisch. Mitgeliefert wurde eine Anleitung, die den Prozess der Haarentfernung Schritt für Schritt erklärt. Meinen sorgfältigen Temperaturabwägungen wird vorerst gar keine Beachtung geschenkt, denn ich soll die Paste in die Mikrowelle stecken, um sie aufzuwärmen. Nach einem Besuch in der Mikrowelle ist die Masse tatsächlich genügend weich, dass ich eine walnussgrosse Portion der Paste aus dem Topf grübeln kann.
«Rollen und kneten Sie die Zuckerpaste, bis Sie zufrieden sind mit der Konsistenz und bis die Paste eine weissgoldliche Farbe angenommen hat.» Weissgoldlich? Ich rolle, ich knete, ich falte. Und tatsächlich, nach kurzer Zeit verändert sich die Farbe. Bis jetzt läuft die ganze Aktion trotz kleinen Stolpersteinen besser als erwartet. Ich klebe auf jeden Fall noch nirgends fest.
Doch noch steht mir die eigentliche Haarentfernung bevor. Da der Süsswax verspricht, bereits Haare ab einer Länge von zwei Millimetern zu entfernen, habe ich – anders als meine Kollegin – nicht zehn Tage lang auf das Rasieren verzichten müssen. Ich schmiere also die Paste gemäss Anleitung auf mein Bein. «Ziehen Sie die Paste flach und ruckartig in Haarwuchsrichtung ab. Halten Sie die Haut mit Ihrer freien Hand flach, um Prellungen zu vermeiden.» Prellungen?
Ich bleibe eine Weile still sitzen und starre auf mein mit der Masse verschmiertes Bein. Dann nehme ich meinen Mut zusammen und reisse die Paste weg. Ja, es tut weh. Aber das ist bei der Kosmetikerin nicht anders. Ich wiederhole den Vorgang ein paar Mal und bin mit dem Ergebnis zufrieden. Doch mit der Zeit erwärmt sich mein Zuckerbällchen, und die Paste will sich nicht mehr richtig von meinen Beinen lösen. Sowieso habe ich eine zu kleine Portion aus dem Topf genommen, die nur wenig Fläche pro Durchgang abdeckt.
Da ich keine Lust hatte, aufzustehen und die Paste noch einmal in die Mikrowelle zu stecken, verlässt mich nach zehn Minuten die gesamte Lust auf das Projekt. Fazit: Mit etwas Übung hat die Sugaring-Eigenanwendung durchaus Potenzial – und die werde ich mir antrainieren. Prellungen habe ich keine – allerdings nach den zehn Minuten auch nur ein enthaartes Bein.