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Gehörschutz tragen am Rockkonzert? «Immer!»

Beim «Rock the Ring» wird Musik gehört – lang und laut. Genau diese Kombination könne gefährlich werden, sagt Thomas Kaufmann. Der Dübendorfer Facharzt für Ohrenkrankheiten, der auch als Belegarzt im Spital Uster arbeitet, erklärt, wie man Rock gehörfreundlich konsumiert.

Wie merkt man, ob man gesundheitsschädlich lange am Konzert war, sprich wegen der lauten Musik einen Gehörschaden hat? (Archivbild: Nicole Bruhin) , Zum Beispiel durch «ein Geräusch im Ohr, das nicht weggeht», wie Facharzt Thomas Kaufmann sagt. (Bild: Mano Reichling) , «Die Summe des Lärms im Leben», nicht Musik allein, verursache die meisten Gehörschäden, sagt Thomas Kaufmann. (Archivbild: Urs Brunner)

Gehörschutz tragen am Rockkonzert? «Immer!»

Tausende Menschen werden am Wochenende das «Rock the Ring» besuchen. Und ab Montag werden die Ohrenärzte dann Dutzende neue Kunden haben?

Thomas Kaufmann: Wenns normal läuft, nicht. Es wird einige Kunden mehr geben, aber erst Mitte, Ende Woche. Diese Leute sprechen dann bei uns vor wegen eines Geräuschs im Ohr, das nicht weggeht.

Wie viele der Gehörschäden werden überhaupt durch zu laute Musik ausgelöst?

Allein durch laute Musik sind das wahrscheinlich relativ wenige. Es ist meistens eine über Jahre hinweg anhaltende Kombination, die schädigt. Die Kombination von Musik sowie der akustischen Belastung während der Erwerbstätigkeit, im Militär und beispielsweise im Schützenverein – also die Summe des Lärms im Leben. Auch bei Schäden durch Musikhören geht es um die Summe: drei Tage ein lautes Konzert ist viel belastender als dreimal im Monat ein Konzert mit Erholungsphasen dazwischen.

Gibt es bestimmte Töne, Instrumente, Musik, die für das Ohr besonders schlimm sind?

Nein, eigentlich nicht. Ausschlaggebend sind die Lautstärke und die Zeitdauer, der man dem Lärm ausgesetzt ist. Heavy Metal zum Beispiel ist nicht schlimmer als Klassik.

Ab wann ist Musik aus Sicht des Mediziners zu laut?

Auch da ist wieder die Einwirkungsdauer zentral. Die Suva sagt, 85 Dezibel seien unbedenklich. Wird die Lautstärke bei einem Konzert 100 Dezibel erreichen – das ist etwa so laut wie eine Autohupe – und dauert das Konzert über drei Stunden, muss man es zuvor bei der zuständigen Behörde anmelden. Zudem hat der Veranstalter dann Gehörschutzmittel abzugeben und eine «Ruhefläche» einzurichten, wo die Lautstärke geringer ist.

Und welche Art von Schäden kann denn laute Musik anrichten?

Infolge der extremen mechanischen Belastung durch die Schallwellen kommt es zu einer Schädigung der Nervenzellen im Ohr. Es ist vor allem das Hören in den hohen Frequenzen, welches zuerst beeinträchtigt wird. Es sind aber auch schon Lungen-risse beschrieben worden, ausgelöst durch Bass-Schallwellen. Und auf Musik in tiefen Frequenzen können Menschen mit Panikstörungen reagieren.

So eine Schädigung der Nervenzellen: ist das schmerzhaft, und wie heilt das?

Ein Ohrenschaden schmerzt nicht. Der Patient bemerkt typischerweise, dass er dumpf, also nicht mehr klar hört, und möglicherweise ein Pfeifen in den Ohren, einen sogenannten Tinnitus, hat. Und es gibt dann eben Fälle, wo dieses Geräusch nicht mehr weggeht. In vielen Fällen – aber eben nicht in allen – erholt sich das Gehör zum Glück wieder.

Wenn das Gehör sich nicht von allein erholt, wie wird es behandelt?

Medikamentös. Man probiert heute, mit dem Hormon Kortison zu therapieren, das unter anderem entzündungshemmende Wirkung hat. Kortison bietet die beste Chance, die Zellen wieder zum Leben zu erwecken. In einem grossen Prozentsatz der Fälle gelingt dies.

Aber am besten wäre es ja, es käme gar nicht zu Schäden: Was kann der Konzertbesucher präventiv machen?

Wenn Ohrstöpsel aufliegen, heisst das, dass das Konzert lauter als 100 Dezibel sein wird – sonst würde man die nicht hinlegen, denn die kosten den Veranstalter ja ein paar Rappen. Und dann sollte man diese Ohrstöpsel auch benützen. Zudem sollte man nicht neben den grossen Lautsprechern stehen. Und es wäre gut, während des Konzerts mal so eine halbe Stunde in einen ruhigeren Bereich zu gehen, um das Gehör zu entlasten – auch wenn das an einem solchen Anlass nicht so einfach und oft gar unmöglich ist.

Nützen diese Gratis-Ohrenpfropfen überhaupt etwas, oder wären massive Kopfhörer besser?

Mit den Schalenkopfhörern hört man eigentlich nichts mehr. Deshalb sind die Schaumstoff-Ohrenstöpsel sicher gut – wenn man sie richtig einsetzt. Das heisst, man muss den Schaumstoff ein paar Sekunden lang gut zusammendrücken und den Pfropfen dann in den Gehörgang hineinschieben und nicht einfach irgendwo in die Ohrmuschel stecken. Dort nützen die Stöpsel nicht viel.

Gerade bei den Kindern sieht man ja oft, dass sie einfach die Finger in die Ohren stecken. Auch eine gute Idee?

Ja, solange man die Finger drin hat – aber man kann ja nicht so an ein Konzert …

Stichwort Kinder: Sind sie besonders gefährdet?

Es scheint so, da das Gehör von Kindern besonders empfindlich ist. Es zeigt sich aber auch, dass es bei Menschen mit Vorerkrankungen und Leuten, die Medikamente einnehmen, eher zu einer Schädigung des Gehörs kommen kann. Und es gibt Hinweise, dass Alkohol einen negativen Effekt hat; das ist aber nicht bewiesen.

Zusammengefasst: Eigentlich müsste jeder Besucher des «Rock the Ring» einen Gehörschutz tragen.

Klar, immer! Denn ob man zu den Glücklichen gehört, denen bei einem nur kurzen Konzertbesuch wahrscheinlich nichts passiert, oder ob man zu denen gehört, die nachher ein kaputtes Gehör haben, das weiss man erst nach dem Konzert.

Wenn ich Ihrer Empfehlung kein Gehör schenke, wie merke ich, ob ich zum Arzt soll oder nicht?

Wenn es nach zwei, maximal drei Tagen mit dem Hören nicht so ist wie üblich – das heisst, wenn man das Gefühl hat, man hört dumpf –, muss man dringend zum Facharzt. Dasselbe gilt bei einem Pfeifen im Ohr: das ist das Zeichen für einen Hörschaden. Begibt man sich dann in ärztliche Behandlung, sollte sich das Gehör so in sieben bis zehn Tagen erholt haben.

Züriost berichtet an drei Tagen live vom «Rock the Ring». -> Zum Ticker.

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