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Stefan Schättin gibt Chöre ab

Nach 25 Jahren gibt der Ustermer Stefan Schättin die Leitung der beiden Chöre Mezzoforte und Kantorei ab. Künftig bildet die Zürcher Hochschule der Künste ein neues Standbein in seinem Leben.

Stefan Schättin bei einer seiner letzten Proben mit der Kantorei. (Bild: Nicolas Zonvi)

Stefan Schättin gibt Chöre ab

Stefan Schättin sitzt an diesem grauen Nachmittag in einem Café in Uster, wirkt entspannt und glücklich. Auch sonst passt das schlechte Wetter so gar nicht zu seiner Erscheinung: pinkfarbener Pullover, aufrechte Köperhaltung, auf dem Gesicht ein grosses Lachen – der 54-jährige Ustermer strahlt eine Energie und Leidenschaft aus, die anstecken. Im Gespräch merkt man schnell: Was Schättin tut, macht er mit vollem Einsatz, oder er lässt es ganz bleiben. Letzteres trifft nun auf seine beiden Chöre in Uster zu.

Exakt 25 Jahre ist es her, seit Schättin die Kantorei übernommen und den Gospelchor Mezzoforte ins Leben gerufen hat. Nun gibt er diese beiden Chöre an seinen Stellenpartner Peter Freitag ab. «Auf dem Höhepunkt», wie Schättin betont. Aber man müsse aufhören, wenn es am schönsten sei.

Gut strukturierte Klangkörper

Beiden Chören gehe es hervorragend. Er hinterlasse zwei musikalisch hochstehende, gut strukturierte Klangkörper. «Hinter Mezzoforte steckt eine jahrelange Aufbauarbeit, und die Kantorei ist durch beharrliche und kontinuierliche Arbeit stets gewachsen.» Mit einem guten Gefühl trete er ab, weil er eine sehr schöne Zeit erlebt und viele interessante und freundschaftliche Begegnungen gemacht habe.

Anders sehen die beiden Chöre seinem Abschied entgegen. «Scheinbar fällt es ihnen sehr schwer. Aber sie haben sich inzwischen auch darauf einstellen können, schliesslich habe ich bereits vor zwei Jahren gekündigt.» Nur selten würden ihn melancholische Gedanken einholen. Dann werde auch er wehmütig, «aber das ist wirklich nur ganz selten», fügt er an und lacht. «Meine Tätigkeiten haben in den letzten Jahren ein immer grösseres Ausmass angenommen. Aber irgendwann ist das Mass voll», gesteht er.

Enorme Vervielfachung

Wie schnell das gehen kann, veranschaulicht er anhand eines Beispiels: Als er an der Kantonsschule Zürcher Oberland (KZO) vor zehn Jahren angefangen habe, Orgel zu unterrichten, habe er einen Schüler gehabt. Mittlerweile seien es sechs. Aus einer Lektion seien fünf geworden. «Das ist eine enorme Vervielfachung.»

Ähnlich sei es ihm auch in seinen anderen Tätigkeitsbereichen ergangen; die musikalischen Aktivitäten in der Kirche hätten beispielsweise ebenfalls massiv zugenommen. «Deshalb musste ich sagen: Jetzt ist Schluss. Nach 25 Jahren Chorleitertätigkeit kann ich guten Gewissens aufhören.» Hatte er Angst vor einem Burn-out? Schättin schüttelt den Kopf. «Gesundheitlich geht es mir gut. Aber ich habe schon gemerkt, dass es so nicht mehr weitergeht.» Zudem wolle er mehr Zeit für seine Frau und seine beiden Töchter haben, die jetzt in der Pubertät sind.

Künftig bildet die Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) ein weiteres Standbein in seinem Leben. Im Jahr 2014 wurde Schättin ganz unverhofft als Orgel-Fachdidaktik-Dozent an die ZHdK berufen. «Ich war total überrascht und habe natürlich sofort zugesagt», sagt er stolz. «So eine Anfrage kriegt man nur einmal im Leben.» Als Fachdidaktik-Dozent bildet Schättin seither Orgel-Studenten im Masterstudiengang Music Pedagogy zu Lehrkräften aus. Weil es sich bei der Orgel nicht gerade um ein Mainstream-Instrument handelt, ist seine Aufgabe eine überschaubare.

Momentan betreut er einen Studenten, was 3,5 Stellenprozenten entspricht; ab nächstem Semester werden es dann doppelt so viele sein. «Ich denke, die Hochschulleitung ist auf mich zugekommen, weil ich ganz allgemein eine grosse Erfahrung im Unterrichtsbereich habe – sei es als Schulmusiker, als Orgellehrer an der KZO oder auch als Chorleiter. Da bin ich ja auch als Pädagoge tätig.»

Gedanken zum Unterricht

Seit knapp zwei Jahren ist er nun in diesem neuen Umfeld aktiv, und seine Bilanz ist eine äusserst positive. «Es ist sehr inspirierend», schwärmt er. Auch er könne von seinen Studenten etwas lernen: «Wenn ich den Unterricht meiner Studenten hinterfrage, mache ich mir auch Gedanken zu meinem Unterricht. Das bringt mir extrem viel. Ich unterrichte jetzt ganz anders Orgel als vorher.»

Schättin konzentriert sich nun also fast ausschliesslich auf seine Lehrtätigkeit. «Ich sehe mich in erster Linie als Pädagoge», sagt er denn auch. Der Wunsch nach künstlerischen Tätigkeiten habe in den letzten Jahren eindeutig abgenommen. Das überrascht nicht, wenn man bedenkt, dass er als Organist jeden zweiten Sonntag im Gottesdienst konzertiert. «Man steht unter ständigem Druck, ein passendes Programm zusammenzustellen und dann auch noch abzuliefern.» Trotzdem bleibt er den Ustermern weiterhin als Organist erhalten. Auch sein mittlerweile weitherum bekanntes Orgelfestival wolle er weiterführen.

«Die Orgel boomt»

Eine halbe Stelle hat er zudem als Schulmusiker an der KZO inne. Dazu kommen die beiden Unterrichtsstellen an der KZO und der ZHdK. «Die Orgel boomt», sagt er. Er habe mehr Orgelschüler als es im restlichen Kanton insgesamt gebe. Dies erklärt er sich zum einen mit der guten Infrastruktur in Wetzikon. Andererseits gebe es im Oberland Leute, «die eine gewisse Nähe zur Landeskirche pflegen».

Schättin sieht sich als Suchender, der nicht stehen bleiben und sich als Mensch, Musiker und Pädagoge immer weiterentwickeln möchte. Als Chorleiter endet die Suche am nächsten Wochenende. Sein letztes Konzert mit der Kantorei Uster steht an – mit dem Mezzoforte hat er dies schon hinter sich gebracht. Noch einmal wird er vor allem als Freund vor seinen Sängerinnen und Sängern stehen. «Ich war nie der grosse Maestro, der mit dem Daumen nach oben oder nach unten zeigte.» Erfolgreich möchte er aber allemal sein. Oder wie er es metaphorisch sagt: «Bei jeder Skiabfahrt versuche ich, noch besser herunterzukommen.» (Manuel Nägeli)

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