Loch bleibt Loch
Eigentlich hätte dieser Blog-Beitrag ursprünglich von einer irritierenden Begebenheit in einem Oberländer Strassenkreisel handeln sollen. Doch Kreisel sind dieser Tage komplett uninteressant, Löcher sind Trumpf, vor allem eines – der Gotthard-Basistunnel. Übrigens, apropos Gotthard und Kreisel: Im Oberland gibts an so manchen neuralgischen Punkten deutlich mehr Verkehr als im Gotthard-Strassentunnel. Aber das nur am Rande. Denn jetzt herrscht ja bekanntlich Freude wegen des Bahntunnels.
Welch Brimborium doch um das längste Loch der Welt gemacht wird! Entziehen kann man sich der Hysterie kaum – und was ich von den Feierlichkeiten zu sehen bekam, wirkte doch auch reichlich irritierend: Eine Performance von Menschen in Unterhosen, schräge Tanzbewegungen von komisch kostümierten Menschen mit Gestrüpp auf dem Kopf, eine hochemotionale Bundesrätin in einem Löcherkleid, Twitterer, die begeistert mitteilen, die Netzabdeckung sei toll (wahnsinn – willkommen im 21. Jahrhundert!), erste Züge, die es nicht schaffen, genau gleichzeitig den Tunnel wieder zu verlassen (wie war das nochmal mit dem 21. Jahrhundert?).
Man mag mir mangelnde Begeisterungsfähigkeit vorwerfen, aber solche Bilder lösen bei mir nicht Ergriffenheit aus, sondern eine Mischung zwischen Belustigung und Fremdschämen.
Gewiss, das Ding ist eine technische Meisterleistung, und man soll die Eröffnung auch anständig feiern. Wobei «Eröffnung» ein komisches Wort ist für diese Übung, denn als hundsnormaler SBB-Kunde fährt man ja erst ab Dezember auf der neuen Strecke.
Demnach komme ich bei meiner Tour ins Tessin im Juli noch nicht in den Genuss des neuen Tunnels und der kürzeren Reisezeit. Was halb so tragisch ist. Denn erstens habe ich keinen Stress. Zweitens hat die Bergstrecke mit dem dreifachen «Chileli vo Wasse» und den Kehrtunnels auch ihren Reiz. Und drittens ist auch der neue am Ende einfach nur ein Tunnel; ein schwarzes Loch mit sehr öder Aussicht, aus dem man gern möglichst rasch wieder draussen ist.

