Murphy und der «unterbrochene Bahnhof»
Ich fahre selten Zug. Meistens bin ich mit dem Auto unterwegs, fahre täglich von Zürich nach Wetzikon zur Arbeit, und weil ich nicht gerade im Stadtzentrum wohne, geht diese Fahrt auch in den allermeisten Fällen ohne Staus und nervige Verzögerungen über die Bühne respektive Autobahn. Man muss mit mir auch nicht darüber diskutieren, wie viel besser und angenehmer eine Zugfahrt doch angeblich sei. Ich fahre gerne Auto, ganz einfach.
Nun muss ein Auto aber bekanntlich auch mal in die Garage, und da sich die Werkstatt meines Vertrauens unmittelbar neben einem Bahnhof befindet, gönne ich mir in solchen Fällen keinen Ersatzwagen, sondern pendle mit dem Zug. Das sorgt für Irritationen – nicht bei mir, sondern bei lieben Arbeitskollegen.
Als es am Dienstag wieder einmal soweit war, wies mich einer etwa darauf hin, ich stehe dort, wo der Erstklasswagen halten würde, und sowieso sei es besser, etwas weiter hinten einzusteigen, weil ich dann in Wetzikon nicht so weit laufen müsse. Fünf Minuten später werde ich von einem weiteren netten Kollegen mit der Frage begrüsst: «Alkohol am Steuer?» Man traut mir offensichtlich einiges zu – oder eben auch nicht.
Seltenheitswert hat mein Pendeln per Zug zur Arbeit tatsächlich – und vielleicht ist das für alle andern auch ganz gut so. Denn Murphys Gesetz, wonach schiefgehen wird, was schiefgehen kann, schlägt bei mir verlässlich zu, sobald ich ein Zugbillet löse. Verspätungen, Zugausfälle, Umleitungen. Jedes Mal. «Betriebseinschränkung» nennt sich das im SBB-Jargon. Der Bahnhof Stettbach sei «für den Bahnverkehr unterbrochen», meldet das App auf meinem Handy. Ein unterbrochener Bahnhof? Was bitte soll das sein?
Ich fühle mich bald wie der Schmetterling in der Chaostheorie, der mit seinem Flügelschlag einen Orkan auslöst. Der Orkan besteht in diesem Fall aus hochgenervten Menschen, die hektisch Verspätungsmeldungen in ihre Handys hacken oder hysterisch dem Arbeitskollegen per Telefon mitteilen, sie seien später dran, wegen diesem «Scheisszug».
Ich benutzte an jenem Morgen zwei Züge. Einer war vier Minuten zu spät, der andere sechs. In anderen Ländern gilt das noch als überpünktlich – aber wer will, kann sich natürlich auch darüber ausgiebig aufregen. Als seltener Zugpassagier amüsiere mich darüber eher. Und ich bin schon gespannt, was Murphy nächstes Mal auf Lager hat, wenn mein Auto wieder in den Service muss.

