Der Verdruss im Verschluss
Wer oft auf der Oberlandautobahn unterwegs ist, kennt das Problem gut. Das, was einen beispielsweise von Zürich her kommend an der Ausfahrt Uster Nord erwartet. Oder bei jeder noch so kleinen und temporären Baustelle. Oder – am meisten – kurz vor dem Autobahnende, bevor es ins Aatal geht, gleich nach dem kleinen Tunnel: der Reissverschluss.
Eigentlich ist er eine geniale Erfindung, und keiner hat im Umgang damit Mühe, solange er sich an Jacke, Hose, Taschen, Gepäckstücken befindet. Klemmen tuts nur selten – im Gegensatz zur Strasse. Denn da sorgt das System statt für Entspannung für Verdruss im Verschluss. Es beginnt damit, dass wir Schweizer einfach zu brav sind. Wir fahren ja alle vorausschauend. Wenn wir sehen, dass in weiter Entfernung zwei Spuren zusammengeführt werden, fahren wir schon mal alle brav auf die rechte Spur – und produzieren einen wunderbaren Stau. Die Tafeln mit den beiden geraden Pfeilen drauf, die uns mitteilen, wir sollen doch bitte auf beiden Spuren aufschliessen, ignorieren wir. Wie die Lemminge folgen wir einer dem andern, kriechen voreinander her und lassen links neben uns viel freien Platz zum Autofahren.
Wer sich aber erdreistet, auf der linken Spur vorzufahren, wie es eigentlich vorgesehen wäre, stellt sich quasi selber an den Pranger. Kopfschüttelnd regen sich die Lemminge auf der rechten Spur auf. Und wenn aus den beiden Spuren dann wirklich eine wird, kommts zum Kleinkrieg der mobilen Egos. Auch das Signal mit den unmissverständlichen Pfeilen, auf dem sogar «Reissverschluss» geschrieben steht, ist chancenlos. Böse Blicke statt freundliches Nicken, Stinkefinger statt vortrittsweisende Geste. Den Drängler von der linken Spur reinlassen? Denkste! Könnte ja jeder kommen.
Der vermeintliche Drängler aber macht alles richtig im Gegensatz zu den Lemmingen. Deren Vernunft reicht meistens nur bis zur eigenen Motorhaube.
