Weichenstellung für den «Amor-Express»
Das mutmasslich kleinste Fernsehstudio der Welt liegt im Zürcher Oberland. Man findet es derzeit auf einem Abstellgleis des Dampfbahnvereins Zürcher Oberland (DVZO). Es ist ein alter Bahnwagen, aus dem das Schweizer Fernsehen über viele Jahre die Sendung «Mittwochs-Jass» ausstrahlte. Das Fahrzeug ist Teil des sogenannten «Amor-Express». Diesen Zug erhielt der DVZO Anfang 2015 als Schenkung von der Südostbahn.
Beim DVZO allerdings ist man unschlüssig, was man mit dem Zug machen will. Klar ist einzig, dass eine Renovation nötig ist. Die Inneneinrichtung ist in die Jahre gekommen, der Farbanstrich müsste erneuert werden. Nun stellt der Verein seinen Mitgliedern die Frage, wie es weitergehen soll.
Ohne historischem Vorbild
Auch wenn der Zug museal aussieht und in weiten Teilen über 100-jährig ist, entspricht er in seinem derzeitigen Aussehen keinem historischen Vorbild. Die ersten beiden Wagen wurden beim Umbau in den 1960er-Jahren äusserlich noch wenig verändert. Lediglich die Farbgebung und die Verblechung wechselte.
Die drei später Ende 60er- und in den 1970er-Jahren umgebauten Fahrzeuge änderte man im Bereich der Fenster und Türen stark ab. Bei allen Wagen aber wurde die ursprüngliche Inneneinrichtung komplett entfernt und durch eine Fantasieeinrichtung ersetzt. Das Ziel des damaligen Umbaus war nicht der Erhalt eines Museumszuges sondern die Schaffung eines Ausflugszuges für Gesellschafts- und Extrafahrten.
Denkmalpflegerischer Wert
Auf der DVZO-Website hat Jürg Hauswirth, der Leiter Betrieb, Hintergrundinfos zusammengestellt. Er hält fest, dass dem Zug der historische Bezug zum Oberland fehle. Das sei aber auch bei der Elektrolok Be 4/4 15 der Fall.
Dem «Amor-Express» attestiert er einen denkmalpflegerischen Wert. Es sei «eines der ältesten Produkte der Bahntouristik mit einem zweitweise sehr starken regionalen Identifikationspotential».
Drei Varianten denkbar
In erster Linie hat sich der DVZO die lebendige Rekonstruktion eines Bahnbetriebes der Zeit um 1900 zum Ziel gesetzt. Der «Amor-Express» passt nicht so richtig in dieses Leitbild. «Aber viele Extrafahrten und Zusatzleistungen zugunsten des Vereins können wir erst dank diesen Wagen verkaufen», weiss Hauswirth.
Für die weitere Zukunft des «Amor-Express» stehen nun drei denkbare Varianten im Vordergrund.
- Variante 1 wäre der Verzicht des Zuges und seine Weitergabe an einen interessierte Institution.
- Variante 2 würde vorsehen, dass der DVZO den Zug behält und ihn «als teilauthentischen Touristikzug im Charterverkehr» weiterbetreiben würde.
- Variante 3 schliesslich wäre lediglich die Totalrenovierung der beiden beim Umbau nicht so stark veränderten Wagen. Und zwar, indem man sie äusserlich wie innerlich in den Ursprungszustand als zweiachsige Drittklasswagen der Bodensee-Toggenburg-Bahn zurückversetzen würde. Die übrigen drei Wagen würden entweder abgegeben oder wie bei der Variante 2 weiterhin als Touristikwagen betreiben.
Mitglieder noch uneinig
Die Kommentare auf der DVZO-Website lassen auf eine gewisse Uneinigkeit unter den Vereinsmitgliedern schliessen. Ein User schreibt, dass der Zug mit der Dampflok Nr. 9 sehr schön anzusehen sei. Ein anderer User meint, man solle sich anderen Projekten zuwenden. «Unsere Mitglieder identifizieren sich mit einem historischen Eisenbahnbetrieb anno Jahrhundertwende und nicht mit einem farbigen Themenzug.»
Die Weichen, in welche Richtung der «Amor-Express» in Zukunft fahren wird, wird an der Generalversammlung des DVZO vom 30. März gestellt werden. Dann lässt der Vereinsvorstand über die weitere Strategie abstimmen.

