Politik

Selbstversuch: 24 Stunden Lokalradio hören

Das Ziel von Redaktor Thomas Bacher war klar: Einen Tag und eine Nacht lang Lokalradio hören. Was ihn erwartete, war ein regelrechter Nachrichten-Musik-Albtraum. Dieser Artikel ist schon älter, hat aber an seiner Aktualität nichts verloren. Daher bieten wir ihnen diese spannende Geschichte nochmals zum Lesen an.

Selbstversuch: 24 Stunden Lokalradio hören

Eigentlich hatte ich von Anfang an keine Chance. Als Fan harter und schneller Rockmusik einen Tag und eine Nacht lang Lokalradio hören – da könnte man auch einen Veganer zum Ochs am Spiess einladen. Oder einen Typen mit Höhenangst zu einem Hochseilakt überreden. Oder Bischof Huonder in einen Dark-Room einsperren. Wir verstehen uns. Aber es gibt ja immer wieder Menschen, die über sich hinauswachsen und dann Grossartiges leisten. Wieso sollte ich nicht so einer sein? Für einen solchen Selbstversuch braucht man natürlich einen fulminanten Start. Und das kann nur eines bedeuten: Morgenshow. Schliesslich sind diese morgendliche Aufwach-Sendungen für die Lokalradios das, was die grosse Samstagabendkiste für die Fernsehanstalten ist. Entsprechend liest und hört man in den Medien ja auch einiges über diese Morgenshows respektive die Moderatoren. Aufgestellt sollen die schon am frühen Morgen sein, und auch recht frech.

Entsprechend schlecht gelaunt bin ich, als um 4.30 Uhr der Wecker klingelt. Ich brauche 30 Minuten, um in Gang zu kommen, die Kaffeemaschine erledigt ihren Job auf Hochtouren. Zum Aufwärmen beginne ich mich durch die Radiostationen zu zappen und werde gleich mit Wahnsinns-Hits wie «Dilemma» von Nelly & Kelly Rowland oder George Ezra’s «Blame It on Me» geohrfeigt. Als «Radio Zürisee» mit Gloria Gaynor und «I am what I am» loslegt, verspüre ich das erste Mal das Bedürfnis meinen Kaffee mit einem kleinen Schlückchen Schnaps zu verfeinern.

Um 5 Uhr geht das Morgenprogramm los. «Radio 24» macht den Anfang. Natürlich. Hörerstärkstes Lokalradio im Züriland, Piratenvergangenheit – so viel Respekt muss sein. Die Nachrichten: Die Explosion in China, Bischof Huonder entschuldigt sich für seine schwulenfeindlichen Aussagen, dazu noch ein wenig Kurzfutter. Und: Der frühere US-Präsident Jimmy Carter hat Krebs. Dazu gibts die Börsen- und Devisenkurse, Sportresultate, Verkehrsmeldung. Und das Wetter: Es wird schön, am Abend Gewitter möglich.

Auf «Radio 1» sind die Nachrichten schon vorüber. Es läuft grad «Cocain» von Eric Clapton. Bisschen früh für Party, möchte man denken. Doch auch auf «Radio 105» gehts vor dem Frühstück schon hoch her. Bummbummbeats, davor, danach und dazwischen fiebrige Jingles –Rrrrrrrrradio-zingzongzing-ONE-kabummm-O!!!!!!-woooaaahhhhh-FIVE-zwitscherzwitscher – die durch die Gehörgänge irrlichtern. Kein Zweifel: 105 ist der Hyperaktive unter den Radiosendern – und weigert sich standhaft, sein Ritalin einzuwerfen. Allerdings scheinen die Morgenshow-Moderatoren verschlafen zu haben, es vergehen 15 Minuten ohne eine einzige Wortmeldung. Lassen wir sie weiterschlafen, «105» ist sowieso kein richtiges Lokalradio.

Auf «NRJ» dreht Morgenshow-Moderator Patrick Hässig schon auf Hochtouren und heuchelt Mitleid mit denjenigen, die noch nicht richtig wach sind. So ein Unsinn. Wenn er wirklich Mitleid hätte, dann würde er einfach sein Maul halten. Dann kommt die Rubrik «Unnützes Wissen». Beat Schlatter alias Dr. Schlatter faselt was von einer Engelsstatue mit einem Handy in der Hand. Beeindruckend. Jetzt aber schnell weg zu Radio Zürisee, die sind nämlich ein wenig schneller unterwegs und bringen die Nachrichten immer fünf Minuten vor der Konkurrenz. «Fünf Minuten besser» nennen sie das. Ob es erstrebenswert ist, immer zu früh zu kommen, muss man sich gerade als Mann ernsthaft fragen. Vielleicht weiss Dr. Schlatter Rat.

Was «Radio Zürisee» vermeldet? Die Explosion in China, Bischof Huonder entschuldigt sich, Kurzfutter. Und das Wetter: Es wird schön, am Abend Gewitter möglich. Nachgereicht werden die Ergebnisse einer neuen Studie, wonach gute Musik nach Operationen Schmerzen und Angst lindern könne. Die hätten lieber mal untersucht, um wie viel Prozent die Sterblichkeitsrate von Radiohörern während der Morgenshow ansteigt.

Derweil dürfen die «Radio 1»-Hörer berichten, was sie sich in der vergangenen Nacht während der Sternschnuppenschauer gewünscht haben. Weltfrieden? Huonder ins Exil? Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens? Denkste. Eine Grillparty…

Desillusioniert, aber erwartungsfroh gönne ich mir die Nachrichten auf «Radio Top»: Explosion in China, Wirtschaft, Sport, Wetter (es wird schön, am Abend Gewitter möglich), Verkehr. Hahaha, die haben den Huonder vergessen. Dafür gibts einen ausführlichen Bericht über die Trends in Sachen Schulthek. Danach warnt eine Frau vom WWF im Interview anlässlich des Earth Overshoot Day von den Folgen unserer Mobilität und des konsumorientierten Lebens. Ich bin tief betroffen und beschliesse mein ganzes Vermögen einer Umweltorganisation zu spenden, da holt mich ein paar Megahertz weiter auf Radio Zürisee der pfeifende Bobby McFerrin mit «Don’t worry, be happy» wieder runter. Das war knapp.

Nachrichten auf «NRJ», es wird schön, juhui. Danach dreht Moderator Hässig so richtig auf und ruft zum Wespen-Genozid auf. Eine Wespen-Hass-Hotline wird eingerichtet, auf der die Hörer ihre Wespen-Hass-Geschichten deponieren können. Die Frage nach der nettesten Tötungsmethode kommt auf; Hässig schlägt eine Holzlatte vor. Ein zugeschalteter Tierschützer kann sich nicht wirklich mit der Idee anfreunden, bekommt aber keine Gelegenheit, das so richtig deutlich zu machen. Ich nehme mir vor, die nächste Wespe gnadenlos zu massakrieren und dem zuckenden gelb-schwarzen Leib «einen schönen Gruss vom Hässig» entgegen zu brüllen.

Erst bei einem kurzen Zwischenstopp auf «Radio 1» fällt mir auf: Hier werde ich gesiezt, während die anderen Sender das Schulter klopfende Du bevorzugen. Letzteres gefällt mir natürlich viel besser, schliesslich habe ich noch nicht genug Kollegen, und erst recht nicht solche, die mich schon frühmorgens zutexten. Es ist erst 6.23 Uhr, und ich bin mit den Nerven schon komplett am Ende.

Wir bleiben bei «Radio 1», wo gerade der sogenannte Remember-Song gespielt wird: Dennis Browns «Love has found its Way». Und tatsächlich, ich erinnere mich, dass ich dieses Lied schon immer gehasst habe, und wundere mich, dass nicht nur der Remembersong, das Wetter, der Verkehr, sondern sogar die Zeitansage mit einer Sponsorennennung erfolgt. «NRJ» macht es ähnlich, lässt die Verkehrsmeldungen aber wenigstens von einem Erotikcenter sponsern. Sex… Verkehr… Sie verstehen? Ein Brüller.

Die Spirale dreht sich immer schneller: Hit aus den 80ern, Telefonscherz, Gewinnspiele, Hit aus den 70ern, Mitmachaktionen, debile Wortmeldungen von Hörern, aktueller Hit, Aufruf zum Wespenmord. Dazu bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse (in einem schwarzen Auto ist es im Sommer heisser als in einem weissen), Klatsch (Michelle Rodriguez hat eine Maus im eigenen Urin gekocht und dann gegessen), Umfragen (Touristen finden Zürich schön und sauber, aber ein wenig teuer), Wetter (es wird schön, am Abend Gewitter möglich). Die verschiedenen Hinweise auf weitere Sendegefässe fasse ich mittlerweile als Warnung auf.

Dann die Nachrichten mit der Explosion in China und Huonder, dazu Kleingemüse. Jetzt rühren die Sender mit der grossen Kelle an, schalten in die Nachrichtenredaktionen und holen irgendwelche Auslandskorrespondenten ans Telefon. Mehr Infos als von der schon vor zwei Stunden verlesenen Agenturmeldung erhalten die Hörer allerdings nicht. Ich verspüre das brennende Bedürfnis auf einen der gebührenfinanzierten Staatssender umzuschalten, doch das wäre unfair, mit Geld kann man schliesslich alles kaufen – sogar guten Journalismus. Es wird schön, am Abend Gewitter möglich.

Es ist 7.18 Uhr, als das gespielt wird, wovon ich mich am meisten gefürchtet habe. Singen wir doch alle zusammen: «Hippie-Bus, Hippie-Bus, Fenster sind dunne, lenki Arm esch duss, ehh mim Hippie-Bus, Hippie-Bus, die einzig Gfahr wo bestaht esch Tinitus.» Wenn das so etwas wie unser Sommerhit war, dann freue ich mich auf den Wintereinbruch. Gerne schon morgen.

Von der News- und Sauglattismusfront gibt es nicht viel Neues zu vermelden. Egal ob Wespenmord, Umfragen oder Klatsch und Tratsch – alles wird bis zehn Uhr wiederholt, so als ob die Sendermacher selber davon ausgehen würden, dass man es sowieso nicht länger als eine Stunde auf ihrer Frequenz aushält.

Nach zehn Uhr wird der Sprachanteil erst einmal runtergefahren. Eigentlich eine gute Sache, wenn das nicht logischerweise zur Folge hätte, dass sich dadurch der Musikanteil erhöht. Schlag auf Schlag wabbern Songs aus dem Lautsprecher, die ich diesen Morgen schon mehrmals gehörte habe, oder von denen ich glaube, sie schon mehrmals gehört zu haben. Und als endlich einmal eine verzerrte Gitarre ertönt, sind es ausgerechnet die Weichspülrocker von Nickelback.

Ich frage mich, wie ich dem entrinnen könnte. Eine spontane Darmspiegelung wär doch mal was Schönes, vor allem weil dabei bestimmt kein Radio läuft. Ich beschliesse im Baumarkt ein paar Schrauben zu kaufen. Kann man immer brauchen. Also rein ins Auto, Radio an, ahhh, die Staumeldung, immerhin ein wenig Schadenfreude ist mir gegönnt. Im Baumarkt läuft Radio Swiss Pop, der auch in Restaurants und Fitnesscentern auf die Menschheit losgelassen wird und einem die Gehörgänge mit melasseartigem Wohlfühl-Pop verklebt. Erneut bleibt nur die Flucht. Rein ins Auto, Radio an: «Es wird schön, am Abend Gewitter möglich.» Ich breche den Selbstversuch ab. Zwar ekle ich mich vor mir selber, weil ich doch so ein Weichei und Feigling bin. Aber ich will einfach nur überleben.

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