Notfälle im 15-Minuten-Takt
Das Wartezimmer ist an diesem Samstagmorgen schon halb voll, obwohl der Praxisbetrieb erst in 20 Minuten anläuft. Als Dr. Reto Schnyder dann die erste Wartende ins Untersuchungszimmer bittet, ist das der Auftakt zu einem Diagnose-, Beratungs-. und Therapiemarathon, der erst sechs pausenlose Stunden später endet. Die Bilanz nach dieser Schicht: 26 Patienten behandelt, unter anderem drei mit einem Knochenbruch, jemand mit einer Lungenentzündung, drei mit Kreislaufproblemen, ein Senior mit kaum stillbarem Nasenbluten, zwei Männer mit starken Rückenschmerzen oder wie es einer der Betroffenen formulierte «es tuet verdammt weh!». Der Ort, an dem diese 26 Menschen behandelt wurden, ist eigentlich eine normale Hausarztpraxis. Und doch nicht: denn sie gehört zum Spital Uster und ist auch gleich neben dem Hauptgebäude des Krankenhauses in einem kleinen Anbau domiziliert. «Ambulante Notfallpraxis» (NFP) heisst diese ungewöhnliche Einrichtung, deren Türen dann offen sind, wenn die Hausärzte nicht arbeiten: werktags von 18.30 bis 22.30 Uhr und am Wochenende von 10.30 bis 22.30 Uhr.
Reto Schnyder, Hausarzt in Hittnau, macht heute hier Dienst. Es ist einer von etwa 20 Einsätzen pro Jahr, für die er jeweils ein paar Stunden lang in Uster arbeitet. In der NFP absolvieren der 56-Jährige und eine Reihe seiner Kollegen aus dem Grossraum Uster und Pfäffikon den Notfalldienst, den sie bisher in ihrer eigenen Praxis leisteten.
Obwohl Schnyder nur für den Notfallkreis Pfäffikon, Russikon, Fehraltorf und Hittnau zuständig ist, darf in die Notfallpraxis in Uster jedermann kommen, unabhängig von seinem Wohnort. An diesem Samstag stammen alle Patienten aus dem Gebiet von etwa 20 Kilometern ums Spital herum. Es sind Frauen, Männer, Kinder unterschiedlichsten Alters und fast alles Schweizer. Das fällt auf, denn laut Schnyder ist das Wartezimmer in Uster sonst oft zu mehr als der Hälfte mit fremdsprachigen Patientinnen und Patienten gefüllt. Und immer wieder mit Menschen, die nachts, so eine halbe Stunde vor Dienstschluss, aufkreuzen und fänden, der Arzt könne doch jetzt «noch schnell ihr Püggeli behandeln, das schon eine Woche lang juckt».
Nicht-zeitkritische Banalitäten wie ein «Püggeli», das gibt es an diesem Samstag zur Freude des Hittnauer Arztes aber nicht, sondern nur echte Notfälle. Also genau das, für was die Praxis auch gedacht ist. Etwa für das Mädchen, das sich die Hand hält und vermutet, sein Finger sei nach einem Reitunfall gebrochen. Ein Röntgenbild zeigt dann: ein Gelenk ist frakturiert. Schnyder ist unsicher, ob man dieses Malheur operieren soll oder nicht. Er bittet deshalb zwei Chirurgen des Spitals, sich die Sache schnell anzuschauen und nützt auf diese Art die Nähe und das Spezialisten-Know-how des Spitals so optimal wie unkompliziert. Die Chirurgin empfiehlt eine Operation. Das Mädchen und ihr Vater stimmen zu, und wenige Stunden später ist der Eingriff im benachbarten Spital bereits erledigt.
Effizienz, sprich eine Diagnose und Behandlung innert Minuten, wie es das Mädchen erlebte, sind so etwas wie das Hauptmerkmal der NFP. Obwohl in dieser Praxis nur immer ein einziger Arzt sowie eine medizinische Praxis-Assistentin (MPA) arbeiten, dauert kaum je eine Behandlung länger als 15 Minuten. Weitere etwa 45 Minuten gehen im Durchschnitt für die Erstbeurteilung des Notfallpatienten beim Spitaleingang, die Erfassung der Personalien und die Wartezeit drauf.
Das mag für die einen nach viel Zeit tönen, ist es aber nicht. Vor allem, weil Reto Schnyder und die diensthabende MPA, Franziska Frauenknecht, das Multitasking verinnerlicht haben. Da wird vom routinierten Duo gleichzeitig ein Patient beraten, ihm ein Medikament gegen die Schmerzen rausgesucht, ein Bericht für seinen Hausarzt fertigt geschrieben, die Urinprobe einer Patientin ausgewertet und zwischendurch noch schnell ein Telefonanruf entgegengenommen, in dem eine Frau fragt, was sie gegen den Abszess in ihrem Gesicht tun soll.
Die Notfallpraxis: was für jeden, der in Randzeiten überraschend ein medizinisches Problem hat, ein Segen ist, das stiess anfangs bei nicht wenigen Mediziner auf Widerstand. Das ist aber Vergangenheit. Denn «aus ärztlicher Sicht ist die Notfallpraxis Uster eine gute Sache», lobt Schnyder, der als Co-Präsident der Ärztegesellschaft Zürcher Oberland auch berufspolitisch aktiv ist. Ja, die Dienste in der Spitalpraxis, die finde er trotz Nonstop-Notfallbetrieb sogar «spassig».

