Der Ankerpunkt am Ende der Konsumkette
Ein einziger Mann macht sich an diesem Dienstag morgen Ende März an der Handablade-Stelle zu schaffen. Der Reihe nach lässt er einen alten Bildschirm, ein sperriges Computer-Laufwerk sowie eine Tastatur in den dafür vorgesehenen Sammelbehälter fallen. Er wirkt zielstrebig. Die Hilfe des Platzwarts, der ein paar Meter von ihm entfernt in seinem Büro konzentriert auf einen Computer-Bildschirm blickt, braucht er nicht. Vielleicht deswegen, weil die Beschilderung (Sperrgut, Metallannahme, Pneus, Elektroschrott) über den Entsorgungsbehältern gar keine Fragen offen lässt. Vielleicht gehört er aber auch zu den Stammkunden. Wie rund 80 Prozent der Privatpersonen, die mehrmals im Jahr die Kezo (siehe Box) in Hinwil anfahren, um «Ballast abzuwerfen.» Die beliebtesten Zeitpunkte für Entsorgungsfahrten sind: Vor und nach den offiziellen Zügelterminen und wenig überraschend, wenn man an den Einkaufs- und Geschenke-Wahn denkt kurz nach dem Weihnachtsfest. Die Lärmquellen auf dem weitläufigen Areal im Hinwiler Industriegebiet sind zahlreich. Im rückwärtigen Teil wird gebaut, unablässig fahren Lastwagen hinein und hinaus. Und auch Hubstapler, die von Männern in auffällig orangen Jacken gesteuert werden, rollen praktisch ohne Unterbruch vorbei. Ein unangenehm stechender Geruch liegt in der Luft. Armin Oberhänsli aber verzieht keine Miene. «Wir sagen nicht, es stinkt», sagt der Logistikchef der Kezo. «Es riecht.» Je nach Temperatur eben mehr oder weniger intensiv. Oberhänsli, seit einem Vierteljahrhundert im Betrieb, kann die Ursache des Geruchs problemlos benennen. «Da ist einer mit Klärschlamm durchgefahren.»
In seinem Rücken setzt in diesem Moment ein Kehrichtwagen langsam zurück. Sein Ziel: das Tor 2 im Bunker 1, das ihm der Waagmeister nach dem Wägen zugewiesen hat. Nachdem der Winkel der Ladefläche steil genug ist, rutschen die Müllsäcke langsam in den Müllbunker. An Spitzentagen fahren bis zu 70 Kehrichtwagen vor und lassen den Abfall durch eines der Tore in die zwei Bunker plumpsen. Ein Routinevorgang eigentlich. Aber auch schon sind Lastwagen mit brennendem Inhalt angekommen, weil sich der Kehricht auf der Fahrt nach Hinwil plötzlich entzündete. «Ein Gefahrenherd» nennt Oberhänsli den Inhalt darum. Niemand weiss schliesslich, was die Leute alles in ihre Müllsäcke stopfen.
In der Steuerungszentrale, ein Stockwerk über dem Erdboden und zwischen den zwei Bunkern gelegen, lässt sich der Abladevorgang auf Monitoren verfolgen. Wie im Regieraum eines grossen TV-Senders reiht sich Bildschirm an Bildschirm. Nur dass der einzige Mann im Raum deutlich entspannter zu Werke geht als ein Regisseur während einer Liveübertragung. In einem roten Overall sitzt Maschinist Dörk Rodius da. Lange bewegt er nicht viel mehr als seine Augen.
Auch das laute Signal, das plötzlich ertönt, bringt ihn nicht aus der Ruhe. Es ist ein Alarm, der auf einen Fehler im System hinweist. Rodius quittiert diesen unaufgeregt. Und Cheflogistiker Oberhänsli beruhigt: «Das ist harmlos.»
Aus den Boxen an der Decke dröhnt derweil «Appetite for Destruction» (Appetit auf Zerstörung) der Band Guns N Roses es gibt unpassendere Songs für einen Ort, an dem die Verbrennung von bis zu 200?000 Tonnen Abfall pro Jahr überwacht wird. Wobei: Am Ende der Konsumkette entsteht in Hinwil dank verschiedenen, komplizierten Prozessen auch wieder kostbares Gut. Strom, Fernwärme und Abwärme beispielsweise. Und zwar pausenlos. Von den etwas über 50 Mitarbeitern der Kezo die Palette reicht von Verwaltungsangestellten, Betriebsmechanikern und Elektrikern, Logistikern bis zu Reinigungskräften arbeitet deshalb rund die Hälfte in drei Schichten: Von 5 bis 13 Uhr, von 13 bis 21 Uhr und von 21 Uhr bis morgens um fünf.
Die Crew in der imposanten Steuerungszentrale besteht jeweils aus nur drei Mitarbeitern dem Schichtführer und zwei Maschinisten. Kontrollgänge gehören dabei ebenso zum Pflichtenheft wie das Durchmischen des Abfalls und die regelmässige Beschickung der drei Öfen.
«So, gleicht taucht er auf». Kranführer Daniel «Dino» Tanner, mit einer Dächlikappe auf dem Kopf und im T-Shirt, sitzt vor einer grossen Fensterfront, durch die er in den Bunker zwei sieht. Geschickt bewegt er zwei Joysticks. Links und rechts an der Wand sind Monitore befestigt. Nur wenige Sekunden nach seiner Ankündigung erscheint draussen der mächtige Greifkran im Blickfeld. Tanner fährt den Kran bis über den Einfülltrichter, dann lässt er die Last fallen. Am Ende des Trichters wird der Abfall hydraulisch in den Ofen gedrückt.
Zwischen 800 und 1000 Grad heiss ist es in diesem. Durch ein kleines, von einer Klappe geschütztes Fenster kann man auf der Vorderseite hinein sehen. Die Flammen lodern gleichmässig. Die intensiven Farben verleihen dem Feuer etwas Kunstvolles und Beruhigendes. Was überrascht: Die Abfallbewirtschaftung hat sich in der jüngeren Vergangenheit rasant verändert. Der Verbrennungsprozess aber ist seit Jahren gleich geblieben.
Auf violetten Gittertreppen kann man der Ofenwand entlang in die Höhe steigen. Oder ganz bequem den von Lichtschranken gesicherten Lift nach oben nehmen. Vom Dach aus, knapp 40 Meter über dem Boden, hat man einen imposanten Ausblick. In der Ferne recken Pilatus und Rigi ihre schneebedeckten Gipfel in die Höhe. Wer an einem schönen Tag auf dem Pilatus steht, kann die Anlage in Hinwil mit ihrem markanten, 70 Meter hohen Kamin sehen. In Betrieb ist dieser allerdings nicht mehr. Die mehrfach und aufwendig gereinigten Rauchgase strömen mittlerweile durch zwei unscheinbare, etwas mehr als halb so hohe Kamine wie der ausrangierte Blickfang. Gar nur noch ein Drittel des früheren Platzes braucht die 2012 eingeweihte neue Rauchgasanlage.
40 Jahre vorher, also 1972, wurde an der Wildbachstrasse der erste Ofen in Betrieb genommen. «Ein Megading zu seiner Zeit», erinnert sich Oberhänsli und lächelt. «Im Vergleich zu den heutigen aber ein kleines Öfeli.» Wer vor der Kehrichtverwertung steht, erkennt sofort, dass der verwinkelte Gebäudekomplex schrittweise immer weiter gewachsen ist. Dafür reicht ein Blick an die Betonfassaden mit ihren unterschiedlichen Farben.
Ein Schmuckstück ist die Anlage wirklich nicht. Dafür ein Ankerpunkt in der Landschaft, wie Myriam Wunderli zum Auftakt ihres Referats treffend sagt. Dann fragt sie in die Runde: «Wie viel Abfall produziert wohl ein Einwohner in der Schweiz pro Jahr?» Um die 700 Kilogramm sind es, löst die Zuständige für das Besucherwesen auf, bevor sie fortfährt. Wunderli hat schon unzählige Gruppen, heute ist eine BMS-Klasse aus Uster dran, mit Informationen gefüttert und durch die Anlagen geführt. Denn neben der Abfallbewirtschaftung will die Kezo auch die Bevölkerung sensibilisieren. Schon vor 30 Jahren initiierte sie Abfallunterricht für Schüler und leistete damit Pionierarbeit.
Überhaupt fällt die Kezo immer wieder durch Innovationen auf und heimste dafür schon mehrfach Preise ein. Stolz zeigt Armin Oberhänsli zum Schluss, wo die neue Schlackenaufbereitungsanlage entsteht. 200?000 Tonnen Trockenschlacke soll die Grossrecyclinganlage im Endausbau jährlich dann verarbeiten. Neue Ansätze und Technologien haben auch den Logistikchef der Kezo all die Jahre über motiviert. «Jeder Betrieb braucht Daniel Düsentriebe», sagt er lächelnd und findet: «Wir haben einige davon.»

