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Felix Wenger: «Mord aufklären ist Teamarbeit»

Nichts ist spannender als Menschen, die etwas zu erzählen haben. Die Serie «Kopf der Woche» stellt solche Personen ins Zentrum. Diesmal erzählt Kriminalpolizist Felix Wenger aus seinem Leben.

Felix Wenger: «Mord aufklären ist Teamarbeit»

Tötungsdelikte mit Kindern oder Jugendlichen als Opfer, das sei das Schlimmste. Auch heute, nach 14 Jahren im «Mordbüro» der Kantonspolizei Zürich und unzähligen «erlebten» Arten, wie man einem Menschen schwerste Gewalt antun kann, ist Felix Wenger noch erschüttert, wenn er nur schon daran denkt, was die jüngsten Opfer seiner Fälle erleiden mussten. Etwa die siebenjährigen Zwillinge, die um Weihnachten 2007 in Horgen umgebracht wurden. Oder das von seinem Roma-Vater im Zürcher Unterland zu Tode geprügelte 22-monatige Kind, das im Beisein von Wenger im Spital starb. Dennoch: seine absolut freiwillig und sehr gezielt getroffene Berufswahl hat der Hinwiler noch nie bereut. Die Arbeit als Spezialist bei der Kriminalpolizei sei «immer wieder neu» und – trotz vieler Toter – «lebendig»; «man hat mit Menschen zu tun». Sehr nahestehende Menschen waren es auch, die Wenger zur Polizei «brachten»: sowohl sein Vater wie sein Götti arbeiteten bei der Kantonspolizei, und so war es schon für den Buben Felix klar, wohin auch er einmal wollte. Zudem «sah ich meinen Vater nie unzufrieden bei der Arbeit – das hat mich motiviert». Ein Tötungsdelikt in Hinwil, bei dem der damals im Oberländer Bezirkshauptort stationierten Wenger den ihm schon von früher bekannten Täter zuhause abholen musste, gab dann den Ausschlag, sich bei der Kripo zu bewerben.

Und dort, im «Dienst Leib/Leben», versucht er nun, Verdächtigen zu entlocken, was denn genau geschah, dass letztlich irgendwo ein Mensch erstochen, zum Opfer eines Raubüberfalles, einer Erpressung oder eines schwerwiegenden ärztlichen Kunstfehlers wurde. Solche Einvernahmen können – gerade in der Anfangsphase eines Falles – schon mal sieben Stunden dauern; eine Zeit, in der Wenger sein Gegenüber nicht nur hartnäckig mit Detailfragen löchert, sondern ihm manchmal durchaus auch «ein gewisses Verständnis» entgegenbringt. Denn der Menschenkenner weiss: «‹Durchstarten› kann jeder einmal», und nicht nur in einem Fall sei ein Verzweifelter erst dadurch zu einem Mörder geworden, weil er im Vorfeld der Tat einfach keine Hilfe suchte oder erhielt.

Doch wie bringt man denn jemanden zu einem Geständnis? Wengers Grundeinstellung in Befragungen lautet: «Ich behandle jeden so, wie ich selber behandelt werden möchte». Sehr wichtig sei auch, die Herkunft, den Kulturkreis des Täters zu kennen und zu verstehen. Deshalb stehen im Büchergestell des 56-Jährigen neben Fachliteratur oder dem Ratgeber «Menschen lesen» des Ex-FBI-Agenten Joe Navarro auch Titel wie «Die Scharia».

Trotz Wengers Erfahrung und Wissen ist aber auch er nicht davor gefeit, angelogen zu werden; ja, er ist sogar überzeugt, «jeder probiert’s», wenn er bei ihm in Zürich im Büro sitze. Werden diese Lügen allzu grotesk, kann der grundsätzlich sehr gesellige, ruhige und sympathische 100-Kilo-Mann auch mal mit der Faust aufs Pult hauen und sagen, dass er eine Aussage nun wirklich als «en Schiisdräck» einstufe.

Felix Wenger, der bei der Kapo Zürich die schlichte Rangbezeichnung «Adjutant» trägt, in Deutschland jedoch als «Kriminalhauptkommissar» angesprochen würde, arbeitet aber nicht nur im Büro. Ein halbes Dutzend Mal pro Monat hat er jeweils 24 Stunden lang Pikettdienst. Ereignet sich in dieser Zeit ein Kapitalverbrechen, rückt er zusammen mit einem Kollegen direkt an den Tatort aus, um dort in Absprache mit dem Staatsanwalt die Verfahrensleitung zu übernehmen. Auch sonst ist er regelmässig «draussen», spricht vor Ort mit Zeugen, durchsucht die Wohnung eines Verdächtigen. Denn will man ein Verbrechen aufklären, dann «muss man die Örtlichkeit in sich ‹hineinsaugen›».

Doch manchmal reicht nur das Fragenstellen, Zuhören und «Hineinsaugen» nicht; dann sind Spezialaktionen nötig. Etwa das Auslegen des Inhalt von 300 Kehrichtsäcken, eine Suchaktion in der stinkenden Kanalisation oder tagelange, geheime Grabungen im Keller eines Gebäudes, wo man einen zentralen Beweis für ein Tötungsdelikt im Boden versteckt vermutet.

Wenn der Hinwiler ermittelt arbeitet er mehrheitlich alleine. Am Schluss jedoch fliessen seine Erkenntnisse, diejenigen der Kriminaltechnik, des Staatsanwaltes und anderer zusammen, denn «einen Mord aufklären ist immer Teamarbeit». Eine Teamarbeit, die im Kanton Zürich bei Kapitalverbrechen zu einer Aufklärungsquote von über 90 Prozent führt.

Ob ein Fall gelöst oder ungelöst ist: sobald Wenger am Feierabend aus dem Büro tritt, hat er die Belastung durch schlimme Bilder, ausufernde Administration und harzige Abklärungen vergessen: «ich kann das gut ablegen». Dann erholt er sich im Oberland, geht biken, mit Frau und Hund wandern und trifft Kollegen, von denen «keiner Polizist ist», was gut sei so. Und einmal im Jahr begleitet der Ermittler den reformierten Pfarrer von Hinwil als Hilfsleiter ins «Konf»-Lager.

Für seine Hobbys wird er in sechs, sieben Jahren mehr Zeit haben: dann nämlich lässt sich der Mann, dessen Anlitz in der jüngsten Nachwuchs-Werbekampagne der Kapo Inserate ziert, vorzeitig pensionieren. Und wird vielleicht – «hoffentlich gesund und an einem schönen Ort» – einen Krimi schreiben.

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