Planer kritisieren Ustermer Stadtrat scharf
Gegen Verfahrensabbruch
Ustermer Planer wollen im letzten Moment den Stadtrat stoppen. Dieser will auf die weitere Entwicklung der Reservezone Eschenbüel verzichten.
«Überhastet, nicht nachvollziehbar und willkürlich»: Das Urteil der Gruppe Echolot über das Vorgehen des Stadtrats ist vernichtend. Dieser beantragt dem Gemeinderat, die Eschenbüel-Planung abzubrechen. Auf der Reservezone am Westrand von Uster sollte eigentlich ein neues Quartier für 2100 Einwohner entstehen.
Echolot ist nicht irgendwer. Darin zusammengeschlossen sind zehn Planerinnen und Planer aus den Bereichen Architektur, Landschaft und Raumplanung. Seit der Gründung 2017 äussert sich die Gruppe immer wieder kritisch zur Entwicklung von Uster, reflektiert Planungen und bringt auch eigene Ideen ein.
Offener Brief an die Politiker
Von der jüngst bekannt gemachten Absicht der Exekutive wurde Echolot laut dem Siedlungsplaner Martin Eicher «ziemlich überrascht», zumal das Gebiet Eschenbüel im Entwurf des kommunalen Richtplans als städtisches Entwicklungsgebiet von hoher Dichte enthalten ist.

Jetzt will die Gruppe den Ustermer Stadtrat quasi in letzter Minute stoppen. Am Dienstag hat sie einen offenen Brief an die Exekutive und ans Parlament im Stadthaus deponiert. Darin fordern die Fachleute den Stadtrat auf, seinen Antrag zurückzuziehen. Falls das nicht geschehe – und bisher hat Eicher auch nichts Entsprechendes vom Stadtrat gehört –, solle der Gemeinderat den Antrag zurückweisen.
Tatsächlich kommt die Reaktion von Echolot auf den letzten Drücker, denn am Montagabend wird das Geschäft bereits im Gemeinderat behandelt.
Fehlende Gesamtschau
Das Vorgehen des Stadtrats zum Zeitpunkt einer laufenden Totalrevision der Richt- und Nutzungsplanung ist für Eicher unbegreiflich. «Wir wissen doch noch gar nicht, wo Raum für die 7000 zusätzlichen Einwohner geschaffen werden kann.» Diese Zahl ist im 2019 veröffentlichten Stadtentwicklungskonzept festgehalten. «Das Gebiet Eschenbüel könnte einen wesentlichen Beitrag dazu leisten.»
Es gelte, eine Gesamtschau vorzunehmen, bevor solche Entscheide gefällt würden. «Das hält der Stadtrat ja sogar in seiner Weisung selbst fest», meint Eicher.
Zu einer solchen Gesamtbetrachtung gehört für Echolot auch die Berücksichtigung aller Optionen wie Lagequalitäten, Dichten, der Grad der Erschliessung, Nutzungsarten, Ortsbildschutz oder auch Grünräume. Das müsse alles abgewogen werden. Erst danach gelte es, zu entscheiden, ob und wie die Stadtentwicklungsziele erreicht werden könnten.
Innenverdichtung nicht um jeden Preis
Die von Planungsvorstand Stefan Feldmann (SP) angepeilte Verdichtung nach innen biete Sprengstoff. So werde etwa preisgünstiger Wohnraum verdrängt, dazu stünden Grünräume durch mehr versiegelte Flächen unter Druck. Hinzu komme, dass solche Innenentwicklungen sehr viel Zeit benötigten.
«Mit einer Innenentwicklung allein können die städtischen Entwicklungsziele hinsichtlich des angestrebten Wachstums voraussichtlich nicht erreicht werden», betonen die Planer. Und das sei so auch im Stadtentwicklungskonzept festgehalten, das vom Stadtrat verabschiedet worden sei.
Echolot verfolge die Philosophie, dass die Innenverdichtung nicht nach dem Giesskannenprinzip erfolgen dürfe, sondern von Fall zu Fall abgewogen werden müsse, sagt Eicher. Angesichts der Herausforderungen bei der Innenverdichtung sei es eben auch mal besser, eine Reservezone anzupicken.
Hochhäuser im Brunnenwiese-Quartier?
Der Echolot-Vertreter zeigt am Beispiel des Brunnenwiese-Quartiers das Konfliktpotenzial auf, das eine Innenverdichtung bietet. So nah am Bahnhof gelegen wäre es eigentlich prädestiniert, im Stil der Dübendorfer Quartiere Hochbord oder Zwicky-Areal ausgebaut zu werden.
Viele der dortigen Einfamilienhausbewohner hätten wohl kein Interesse daran, dass ihre Häuser verschwinden würden. Andernorts dagegen hätten Grundbesitzer Interesse an einer Verdichtung. «Da ist Zündstoff drin.»
Moderne Eschenbüel-Planung
Überhaupt kein Verständnis hat Eicher für Feldmanns Auffassung, dass die Entwicklung des Eschenbüels ein «städteplanerischer Dinosaurier» sei. Er sei bei den Projektierungsarbeiten selbst dabei gewesen. Diese richteten sich nach ökologischen Prinzipien der 2000-Watt-Gesellschaft.

Die Gebietsentwicklung sei nach aktuellen Grundsätzen vorgenommen worden. «Aus fachlicher Sicht stimmt die Behauptung überhaupt nicht, dass die Eschenbüel-Planung aus der Zeit gefallen sei», enerviert sich Eicher.
Die Planergruppe wirft dem Stadtrat ausserdem vor, dass er seinen Antrag unklar und sogar irreführend formuliert habe. Gemäss dem Antrag sollten die Planungen inklusive der Einzonung und der Gewässerraumfestlegung nicht weiterverfolgt werden, während im Fazit dann nur noch von der Niederlegung des Gestaltungs- und Quartierplanverfahrens die Rede sei.
Argumente überzeugen Planer nicht
Schliesslich sei die stadträtliche Argumentation für den Planungsabbruch auch irreführend. So werde etwa unterschlagen, welche Wertschöpfung aus einer Überbauung der Reservezone resultiere. Allfällig drohende Referenden seien auch kein Grund, die Sache nun abzubrechen – «wie wenn solche Referenden in der anstehenden Richt- und Nutzungsplanung nicht auch befürchtet werden müssten».
Auch die angeführten Herausforderungen punkto Dichte, Etappierung, Erschliessung und zum Stadtklima im Eschenbüel seien «sicher kein Grund, die Segel zu streichen, weil ansonsten gleich die gesamte Totalrevision abgebrochen werden müsste», halten die Planer dem Stadtrat entgegen.
Es gebe nur einen einzigen triftigen Grund, die Planung im Eschenbüel zu stoppen, hält Echolot fest: Wenn festgestellt würde, dass zur Erreichung der Stadtentwicklungsziele das Eschenbüel gar nicht überbaut werden müsse und sich darum eine Einzonung und die Quartier- und Gestaltungsplanverfahren erübrigten.
«Eine solche Aussage kann der Stadtrat jedoch nicht machen, weil er selber in seinem Antrag richtig festhält, dass der Entscheid nur in einer Gesamtbetrachtung im Zuge der Richt- und Nutzungsplanung erfolgen kann.»
Planung soll sistiert bleiben
In der Konsequenz müsste der Stadtrat nach Ansicht der Planergruppe beantragen, dass die Verfahren für den Gestaltungs- und Quartierplan Eschenbüel sistiert bleiben, bis Klarheit darüber besteht, ob das Gebiet überhaupt beansprucht werden müsste, um die zusätzlichen Ustermer unterbringen zu können.
Gleichzeitig müsste die Exekutive ihrer Planungsabteilung den Auftrag erteilen, zu prüfen, ob und wie die Stadtentwicklungsziele mit einem Wachstum für 7000 Einwohner auch ohne Beanspruchung des Eschenbüel-Gebiets erreicht werden können und was die entsprechenden Auswirkungen wären. Also die geforderte Gesamtschau. «Solange die nicht da ist, kann auf das Eschenbüel nicht verzichtet werden. Das wäre vom Planungsablauf nicht sachgemäss.»
Ob das die Ustermer Kommunalpolitiker auch so sehen und dem vom Stadtrat beantragten Übungsabbruch einen Riegel schieben, wird sich am Montagabend nach 19 Uhr im Gemeinderatssaal zeigen.