Pfäffiker lanciert eine «Lebensschule» für Kinder
Neues Lehrmittel fördert Achtsamkeit
Wie finden Mittelstufenschüler zu Gelassenheit und Konzentration? Christoph Hämmig, der in Pfäffikon aufgewachsen ist, hat als Verlagsleiter den Anstoss zu einem neuen Ratgeber gegeben.
«So, Christoph, jetzt beginnt der Ernst des Lebens.» Das ist die Erinnerung von Christoph Hämmig an die Schule, heute, rund 60 Jahre nach diesem einschneidenden Erlebnis. «Gegen diesen Spruch bin ich allergisch geworden», sagt der mittlerweile 65-jährige Verlagsleiter.
Statt Ernst sollte Schule doch Freude vermitteln. «Und dafür braucht es Lockerheit, Gelassenheit und auch Ruhe», findet Hämmig, der in Pfäffikon aufgewachsen ist und noch heute regelmässig an den Pfäffikersee kommt.
Atem, Gedanken und Gefühle im Fokus
Nun hat er das Mittel konzipiert, wie ein Kind diese Lockerheit erlangen kann: eine Anleitung für «Mentale Stärke durch Achtsamkeit». So heisst ein neues Lehrmittel des Verlags Zürcher Kantonale Mittelstufe (ZKM), den er seit einem Jahr führt. In der von Hämmig initiierten «Lebensschule» lernen Mittelstüfler ihren Atem, ihre Gedanken und ihre Gefühle besser kennen. Und vor allem erhalten die Kinder ganz konkrete Tipps und Anleitungen, wie der Atem helfen kann, ruhig und konzentriert zu bleiben. Oder sie können herausfinden, wie sie mit schwierigen Gedanken besser umgehen.
«Ein solches Lehrmittel, das Lebenskompetenz fördert, gibt es meines Wissens bisher nicht», hält Hämmig fest. Er freut sich, mit diesem einen neuen Weg eingeschlagen zu haben. Einen solchen hat er vor gut einem Jahr auch beschritten. Kurz bevor andere sich pensionieren lassen, hat er die Leitung des «wohl kleinsten Lehrmittelverlags der Schweiz» übernommen. Mittlerweile besteht dieser Verlag seit 100 Jahren.
Lehrmittel aufpoliert
Der Bildungsbereich war für Hämmig Neuland. In früheren Positionen hatte er sich – immer im medialen Bereich – mit Gastronomie, Sicherheitspolitik oder Tourismus beschäftigt. Ausserdem war er in der Unternehmenskommunikation tätig. Eigentlich wäre er gerne Journalist geworden. Doch seine Mutter riet ihm, etwas Handfestes zu lernen. So absolvierte er in Pfäffikon eine Verwaltungslehre. Den Sprung in den Journalismus schaffte er schliesslich vier Jahre später doch noch.
Als er zum ZKM-Verlag stiess, empfand er dessen Produkte als grau und ältlich. «Ich wollte da Farbe und Dynamik hineinbringen.» In der kurzen Zeit seit seinem Einstieg hat er den Slogan «ZKM = Freude am Lernen» etabliert. «Wenn es gelingt, mit Lehrmitteln Freude zu vermitteln, dann lernen die Schüler doch auch besser», ist Hämmig überzeugt.

Farbe erhalten haben mittlerweile vier der zwölf «Merkbüchlein» des ZKM-Verlags. Seither finden die jetzt mit Illustrationen versehenen Büchlein, beispielsweise «Texte schreiben», einen viel grösseren Absatz. Eigentlicher Renner des Verlags sind die verschiedenen Unterlagen für die Vorbereitung auf die Gymi-Aufnahmeprüfungen.
Ergänzungsmaterial für den Unterricht
Einen steilen Start hingelegt hat auch das neue Lehrmittel «Mathe draussen erleben». Darin erhalten Lehrerinnen und Lehrer Vorschläge, wie sie Lektionen beispielsweise zu Brüchen oder Dezimalzahlen ausserhalb des Klassenzimmers gestalten können. Bald folgen soll eines für den Deutschunterricht.
Diese Lehrmittel sind auf den Lehrplan 21 ausgerichtet, sind aber – wie alle Angebote des Verlags – eine Ergänzung zum Pflichtmaterial. «Leider haben wir keine Pflichtlehrmittel», meint Hämmig. Dadurch gibt es für den ZKM-Verlag auch keinen garantierten Absatz. Erschwerend kommt hinzu, dass die individuellen Budgets der Lehrerinnen und Lehrer für Unterrichtsmaterial bei Schulen unter Spardruck zunehmend schrumpfen.
Zurück ins Mettlen-Schulhaus
Die Präsentation des ersten Bands der «ZKM-Lebensschule» hat Hämmig zurück an den Ort geführt, wo er einst die Mittelstufe und auch die Sek besucht hatte: ins Mettlen-Schulhaus in Pfäffikon. Und passend zum Buch, in dem man Gelassenheit lernen kann, hat das Gespräch mit dem Journalisten in der «Schulinsel» stattgefunden. Hier besteht neu die Möglichkeit für kurze Schüler-Time-outs. «Schulinseln» sind kurzfristige Entlastungsmassnahmen vor Ort – mit dem Ziel, das Kind so rasch wie möglich wieder in den Klassenverband zu integrieren.



«Mit dem Lehrmittel ‹Mentale Stärke durch Achtsamkeit› lernen die Kinder, wie sie mit Gefühlen umgehen können», unterstreicht Hämmig. Auch wenn es ihn gereizt hätte, das Heft selbst zu schreiben, hat er diese Aufgabe an Vanessa Eble abgegeben. «Mir selbst fehlt der pädagogische Hintergrund.» Die Schulentwicklerin ist lange in der Schulsozialarbeit tätig gewesen.
Hilfreich in der Schule und daheim
Und ihre «Hacks», clevere Tipps, die sie im Heft präsentiert, funktionieren nicht nur bei Kindern. Einige Klassen haben sie getestet. Auch Erwachsene können davon profitieren. Davon hat sich Hämmig selbst überzeugen können. «Die Atemübungen haben wunderbar funktioniert.» Das Titelbild, das einen jungen Surfer auf einer Welle zeigt, steht symbolisch für den ganzen Inhalt. «Die Wellen stehen für die Emotionen. Und hier wird die Kunst vermittelt, wie man auf den Emotionen richtig surft.»
Die «Lebensschule» ist zwar für den Schulunterricht konzipiert. «Sie eignet sich jedoch auch als Lehrmittel, das von Eltern gekauft und zu Hause mit den Kindern angewendet wird», unterstreicht Hämmig. Neben dem Übungsheft für die Kinder gibt es für die Lehrerinnen und Lehrer spezielle Unterrichtsvideos. Zu beziehen ist das Material über shop.zkm.ch.