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Gesellschaft

Mental-Load–Serie

«Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun»

Unsere neue Serie über Mental Load beleuchtet diverse Teilbereiche des Themas. Den Auftakt macht Paarberaterin Nadine Sonderegger aus Wetzikon.

Nadine Sonderegger hilft Paaren, Konflikte zu bewältigen, Erziehungsfragen zu klären und die Beziehungen innerhalb der Familie zu verbessern.

Foto: privat

«Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun»

Mental-Load-Serie

Unsere neue Serie über Mental Load beleuchtet diverse Teilbereiche des Themas. Experten geben Tipps, wie man der mentalen Belastung gegensteuern kann. Den Auftakt macht Paarberaterin Nadine Sonderegger aus Wetzikon.

Mein Sohn braucht eine neue Regenhose, ich muss noch einen Termin mit dem Hausarzt abmachen, Milch unbedingt einkaufen, das Bad putzen … Und was schenken wir den Grosseltern eigentlich zu Weihnachten? Das Gedankenkarussell dreht sich ununterbrochen, sogar am Abend im Bett, wenn man eigentlich schlafen sollte. «Dafür hat sich der Begriff Mental Load etabliert – die Bezeichnung für die niemals enden wollende Liste von Dingen, die man noch tun müsste», sagt Nadine Sonderegger.

Die Paar- und Familienberaterin aus Wetzikon hört fast täglich von ihren Klientinnen und Klienten, wie ihnen scheinbar einfache, alltägliche Aufgaben über den Kopf wachsen, wie sie sich allein gelassen fühlen vom Partner oder von der Partnerin, wie sie glauben, für alles allein verantwortlich zu sein, und die Unzufriedenheit überhandnimmt.

Hauptbetreuungsperson trägt meist Hauptlast

Früher waren die Aufgaben in einer Beziehung klarer verteilt: Der Mann arbeitete, die Frau kümmerte sich um Haus und Familie. «Mit dem Wandel in der Gesellschaft verschieben sich auch die Aufgabenbereiche, und es ist plötzlich nicht mehr klar, wer in der Familie für was zuständig ist», sagt die zweifache Mutter.

Meist leidet nach wie vor die Hauptbetreuungsperson am meisten unter Mental Load – also primär die Frau. «Und das nicht ganz selbst verschuldet, denn wir Frauen klammern uns oft an Aufgaben, die wir vermeintlich nur mit unserem Mutterinstinkt bewältigen können.»

Ein Umdenken ist in ihren Augen unvermeidlich. «Das Thema Mental Load ist seit einiger Zeit in aller Munde, weil unsere Generation das Hamsterrad durchbricht, in dem unsere Eltern noch gefangen waren», sagt die 37-Jährige. «Frauen sind nicht mehr auf Männer angewiesen, arbeiten selbst, wir erziehen anders – und müssen uns mit unseren Partnern daher neue Lebensweisen erarbeiten, die uns nicht von unseren Eltern vorgelebt wurden.»

Pausen und Selbstfürsorge

Gleichzeitig können junge Eltern ihre Prägung nicht einfach abschütteln. «Viele meiner Klienten sagen mir, sie hätten nie werden wollen wie ihre Väter oder Mütter – und hören sich plötzlich genau die gleichen Sätze sagen.»

Hinzu kommt, dass in vielen der Irrglaube schlummert, sich nur durch Leistung Liebe verdienen zu können. «Wir erlauben uns nicht mehr, Pausen zu machen, auch gut zu uns selbst zu sein», sagt Sonderegger und bringt ein Beispiel der Sicherheitshinweise aus dem Flugzeug. «Man wird immer angewiesen, sich in einem Notfall zuerst die eigene Sauerstoffmaske anzuziehen, bevor man sich den Kindern widmet. Denn wenn wir keine Kraft haben, können wir uns nicht um unsere Liebsten kümmern.»

Nach wie vor sei es in unserer Leistungsgesellschaft verpönt, Hilfe anzunehmen oder eine Bitte auch mal abzuschlagen. «Nein sagen hat nichts mit Egoismus zu tun», hält sie fest. «Schliesslich ist das erste Wort der meisten Kinder nein.»

Manchmal muss man einfach zuerst Pause machen und erst nachher die Arbeit erledigen.

Auf Selbstfürsorge zu verzichten, hätten unsere Eltern und Grosseltern zwar zähneknirschend irgendwie hinbekommen. «Aber zu welchem Preis?», fragt Sonderegger. «Ich will nicht in eine Depression fallen, ich will kein Burn-out oder an einem Herzinfarkt sterben, sobald ich pensioniert werde.»

Das bedeutet für sie, auch mal gekaufte Salzstängeli statt selbst gebackenen Kuchen zum Buffet in der Schule mitzubringen oder das Chaos im Haus liegen zu lassen, wenn draussen Schnee liegt und man lieber mit den Kindern Schneeengel und damit schöne Erinnerungen kreieren will. «Manchmal muss man einfach zuerst Pause machen und erst nachher die Arbeit erledigen – denn die läuft definitiv nicht davon.» Die Abkehr vom Perfektionismus ist für Sonderegger einer der wichtigsten Aspekte, wenn es darum geht, Zufriedenheit zu erlangen.

Meetings mit Aus- und Rückblick

Aber wie gelingt konkret eine bessere Arbeitsverteilung, damit nicht nur ein Partner sich um alles kümmert? «Dass jemand eine Liste mit To-dos schreibt, die vom anderen abgearbeitet werden müssen, hat keine Zukunft. Das ist kein echtes Miteinander, wenn trotzdem nur eine Person an die anfallenden Arbeiten denken muss.»

Nadine Sonderegger schlägt wöchentliche Meetings vor. «Terminkalender abgleichen, anfallende Arbeiten aufzeigen und gleich aufteilen – das schafft ein gleichberechtigtes Miteinander, bei dem nicht einfach einer der Hilfsarbeiter des anderen ist.» Zugleich seien solche Gespräche auch ein guter Zeitpunkt, um auf die vergangene Woche zurückzublicken, allfällige Probleme oder Vorfälle nachzubesprechen und sich über das eigene Befinden auszutauschen.

Solche Treffen empfiehlt sie indes nicht nur Eltern mit Kindern, sondern ebenfalls Paaren ohne Nachwuchs. «Denn dort kommt es ebenfalls oft vor, dass jemand die Hauptverantwortung für Aufgaben im gemeinsamen Haushalt übernimmt.»

Und zuletzt bedient sich Nadine Sonderegger auch gerne mal der «Nöö-Strategie». «Ich sollte Fenster putzen, einkaufen – und sage einfach mal ‹Nöö!›. Ich habe noch immer ein paar Eier im Kühlschrank gefunden, um Omeletten zum Znacht zu kochen. Zu merken, dass davon die Welt nicht untergeht, kann auch guttun.»

Fünf Tipps, um Mental Load zu bewältigen

Regelmässiger Austausch mit dem Partner über anfallende Arbeiten: Was steht an, wer kümmert sich darum? Am besten kümmert sich jeder um die Arbeiten, die ihm am meisten Spass machen – bei den mühsamen Tasks wird abgewechselt.

Der Partner als ebenbürtiger Mitstreiter: Es sollte keine Chefs und keine Hilfsarbeiter in einer Beziehung geben. Auch die Kinder können und wollen ab einem gewissen Alter mithelfen.

Hilfe annehmen und einfordern: sei es bei der Kinderbetreuung, wenn man eine Pause braucht, bei einer Putzkraft, wenn es das Budget erlaubt, oder in Extremsituationen vom Entlastungsdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes.

Listen gegen das Chaos im Kopf: Sobald anfallende Arbeiten auf einer Liste stehen, wird im Kopf etwas Raum geschaffen.

Sich vom Perfektionismus verabschieden: Ohne den Anspruch, alles perfekt allein bewältigen zu müssen, fallen automatisch viele Aufgaben weg. Die Folge: mehr Zeit für sich und für die Familie.

Weitere Informationen zu Nadine Sonderegger und ihrer Arbeit unter www.nadinesonderegger.ch.

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