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Gesundheit

Muss eine Grippe ausgeschwitzt werden?

Um die Grippe tummeln sich viele Falschinformationen. Wir haben mithilfe des Infektiologen Florian Banderet vom Unispital Basel gängige Erzählungen überprüft.

Hat auch Sie die Grippe erwischt? Dann gibt es nur eines: Ab ins Bett!

Illustration: Daniel Müller

Muss eine Grippe ausgeschwitzt werden?

Mythen und Fakten zum Infekt

Um die Grippe tummeln sich viele Falschinformationen. Wir haben mithilfe des Infektiologen Florian Banderet vom Unispital Basel gängige Erzählungen überprüft.

Ginette Wiget

1. Im Januar ist es zu spät für eine Impfung

Teilweise richtig

Wann die Grippewelle startet, lässt sich nicht vorhersagen. Am häufigsten beginnt sie im Januar, manchmal bereits im Dezember oder erst im März. Fachleute raten, sich im November oder spätestens Anfang Dezember gegen Grippe impfen zu lassen. Denn bis die Impfung wirkt, dauert es bis zu zwei Wochen. Wer vergessen hat, sich rechtzeitig impfen zu lassen, kann dies auch noch im Januar tun. Es besteht allerdings die ­Gefahr, dass man sich ansteckt, bevor die Impfung ihre Wirkung entfalten kann. Dies könnte in dieser Saison der Fall sein. Die Zahl der Fälle pro Woche hat bereits Mitte Dezember den kritischen Wert überschritten, ab dem die Behörden von einer Grippewelle sprechen.

2. Die Grippe geht immer mit hohem Fieber einher

Falsch

Hohes Fieber kann ein Symptom der Grippe sein, in der Fachsprache Influenza genannt. Doch längst nicht bei allen Infizierten klettert die Körpertemperatur in die Höhe. Etwa ein Drittel liegt abgeschlagen mit Gliederschmerzen im Bett und hat hohes Fieber. Ein Drittel leidet vorwiegend unter Atemwegsbeschwerden wie Husten oder Halsweh und hat, wenn überhaupt, nur leichtes Fieber. Und ein Drittel spürt kaum etwas, ist aber trotzdem ansteckend. Dass manche schwerer erkranken als andere, hat unterschiedliche Gründe. Es kann etwa mit dem Alter und dem Zustand des Immunsystems zu tun haben.

3. Eine Grippe ist lästig, aber harmlos

Falsch

Die Grippe ist eine ernst zu nehmende Krankheit, deren Folgen häufig unterschätzt werden. Jedes Jahr müssen mehrere tausend Menschen wegen der Grippe im Spital behandelt werden, mehrere hundert sterben daran. Die häufigsten Komplikationen der Influenza sind bakterielle Zweitinfektionen. Das bedeutet, dass sich zu den Viren noch Bakterien gesellen. Diese können zum Beispiel zu einer Bronchitis oder einer Lungenentzündung führen. Bei Kindern kann es zu einer Mittelohrentzündung kommen. Was viele nicht wissen: Bestehende Krankheiten können sich durch die Grippe verschlechtern, zum Beispiel Herzleiden, Diabetes, die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) oder Asthma. Während der Grippe ist zudem das Herzinfarktrisiko um das Sechsfache erhöht, wie niederländische Forschende des Universitätsklinikums Utrecht kürzlich herausgefunden haben.

4. Bei einer Grippe ist immer ein Arztbesuch nötig

Falsch

Personen mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen sollten bei einer Grippe ihren Arzt kontaktieren. Ansonsten braucht es in der Regel keinen Arztbesuch. Um die Symptome zu lindern, helfen rezeptfreie Medikamente wie Fiebersenker sowie Hausmittel. Ein Arztbesuch ist dann nötig, wenn die Beschwerden nach einer Woche nicht besser oder sogar schlechter werden. Dasselbe gilt, wenn schwerwiegende Symptome wie Atemnot oder Brustschmerzen auftreten. Babys unter sechs Monaten sollten bei jedem ­Infekt zum Arzt gebracht werden.

5. Covid-19 ist meist ansteckender als die Grippe

Man sieht eine Illustration, die eine Grippe aufzeigt und das, was man dagegen tun kann.
Welches Virus ist schneller?

Richtig

Um zu vergleichen, wie ansteckend Krankheitserreger sind, gibt es den sogenannten Basisreproduktionswert: Dieser zeigt auf, wie viele Menschen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt. Bei Covid-19 liegt dieser je nach Variante zwischen 2 und 9. Bei der Grippe zwischen 1 und 2. Covid-19 kann somit ansteckender sein als eine Grippe.

6. Fiebersenker verlängern die Grippe, sie muss ausgeschwitzt werden

Falsch

Fieber bedeutet, dass unser Immunsystem auf Hochtouren läuft und das Virus bekämpft. Steigt die Temperatur, fangen wir an zu frieren, sinkt sie wieder, schwitzen wir. Das Schwitzen trägt dabei nicht zum Genesungsprozess bei. Manche Alternativmediziner argumentieren, dass Fieber wichtig ist, um wieder gesund zu werden, und raten davon ab, es zu senken. Es gibt jedoch aus der Forschung keine belastbaren Hinweise darauf, dass sich durch fiebersenkende Medikamente die Krankheitsdauer verlängert.

Sich Ruhe gönnen

Eine Grippe kuriert man am besten im Bett aus. Vor allem, wenn Fieber auftritt. Auch bei einer Erkältung ist es sinnvoll, zu Hause zu bleiben und sich zu erholen. Der Körper braucht Ruhe und Zeit, um den Erreger zu bekämpfen.

Genügend trinken

Fieber heisst Schwitzen. Um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, gilt folgende Faustregel: für jedes Grad erhöhte Körpertemperatur einen Liter Flüssigkeit mehr am Tag. Auch ohne Fieber ist es ratsam, genügend zu trinken. Es hilft, die Schleimhäute feucht zu halten und Schleim zu lösen. Kräutertees sind ideal, sie enthalten entzündungshemmende Pflanzenstoffe. Bei Erkältungsbeschwerden eignen sich etwa Holunderblüten-, Lindenblüten- und Thymiantee.

Fieber senken und Schmerzen lindern

Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Paracetamol senken Fieber und lindern Gliederschmerzen und Kopfweh. Gerade bei Paracetamol ist es wichtig, sich genau an die vorgegebene Dosierung zu halten, da eine Überdosierung der Leber schaden kann. Natürliche Alternativen, um das Fieber zu senken, sind Wadenwickel oder Essigsocken. Die Wassertemperatur darf dabei nicht zu niedrig sein. Sie sollte nur wenige Grad unter der Fiebertemperatur liegen.

Wadenwickel

Handtücher in Wasser tauchen, auswringen und um die Waden wickeln. Danach die Beine mit einem trockenen Handtuch abdecken. Die Tücher nach etwa 10 Minuten entfernen und die Prozedur nach Bedarf wiederholen – insgesamt nicht länger als 30 Minuten.

Sprühen gegen Schnupfen

Abschwellende Nasensprays helfen bei einer verstopften Nase, vor allem nachts. Allerdings sollten sie nicht länger als sieben Tage verwendet werden, da es sonst zu einem Gewöhnungseffekt und einer dauerhaft verstopften Nase kommen kann.

Honig einnehmen

Bei Husten mit Auswurf raten Fachleute von Wirkstoffen wie Codein oder Dextromethorphan, die den Hustenreiz unterdrücken sollen, ab. Denn es ist wichtig, dass der Schleim abgehustet wird. Zudem haben die Mittel Nebenwirkungen, und ihre Wirkung ist umstritten. Dasselbe gilt auch für Schleimlöser wie zum Beispiel Ambroxol und Acetylcystein. Die Volksmedizin empfiehlt bei Husten Tee oder Milch mit einem Teelöffel Honig. Eine Übersichtsarbeit des Forschungsnetzwerks Cochrane aus dem Jahr 2018 kam zum Schluss, dass Honig bei Kindern Husten lindern kann.

7. Die Grippeschutzimpfung ist vor allem für ältere Menschen gedacht

Falsch

Die Eidgenössische Kommission für Impffragen (Ekif) und das Bundesamt für Gesundheit (BAG) empfehlen die Impfung nicht nur für Menschen über 65 Jahren. Denn es gibt viele weitere Gruppen, die ein erhöhtes Risiko für Komplikationen haben. Es handelt sich dabei um Schwangere und Menschen mit Immunschwäche oder chronischen Leiden wie Asthma, Diabetes, Herzkrankheiten oder Erkrankungen des Nervensystems wie Parkinson und Multipler Sklerose. Bei frühgeborenen Kindern ab sechs Monaten wird die Impfung für die ersten zwei Winter nach der Geburt empfohlen.

Man sieht eine Illustration, die eine Grippe aufzeigt und das, was man dagegen tun kann.
Eine Grippeimpfung kann für jede Altersgruppe sinnvoll sein.

Fachleute raten auch Personen zur Impfung, die einen engen und regelmässigen Kontakt zu Risikopersonen haben, da sie diese mit Grippe anstecken können. Dazu gehören Erwachsene und Kinder ab sechs Monaten, die im gleichen Haushalt leben. Oder auch Pflegefachpersonen, Mitarbeitende von Kinderkrippen, Alters- und Pflegeheimen oder Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. Die Grundversicherung übernimmt die Kosten der Impfung für diese Gruppen.

Für Kinder gibt es in der Schweiz im Gegensatz zu Ländern wie den USA, Finnland oder Grossbritannien keine Impfempfehlung. Eine Impfung kann trotzdem sinnvoll sein. Kinder tragen wesentlich dazu bei, dass sich die Grippe ausbreitet. Und auch sie können manchmal schwer erkranken. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) rät zu einer Grippeschutzimpfung für alle Kinder ab sechs Monaten.

8. Eine Grippeimpfung kann die Grippe auslösen

Falsch

Die Impfung besteht nur aus Fragmenten von Influenzaviren, sie kann Grippe nicht auslösen. Es ist zwar möglich, dass man gleich nach der Impfung an einer Grippe erkrankt. Aber nicht wegen der Impfung. Sondern, weil man sich angesteckt hat, bevor die Impfung ihre Wirkung entfalten konnte – dies kann bis zu 14 Tage dauern. Möglich ist auch, dass jemand in den Tagen nach der Impfung zufällig eine Erkältung bekommt und dies fälschlicherweise auf die Impfung schiebt. Die Impfung selbst kann aber ­grippeähnliche Beschwerden verursachen. Sie sind ein Zeichen, dass das Immunsystem arbeitet und die Impfung wirkt. Bei 10 bis 40 Prozent der Geimpften kann es zu lokalen Reaktionen wie einer Rötung oder Schmerzen an der Injektionsstelle kommen. 5 bis 10 Prozent der Geimpften leiden unter Symptomen wie ­leicht erhöhter Temperatur, Muskelschmerzen und leichtem Unwohlsein. Diese Beschwerden klingen meist innerhalb von ein bis zwei Tagen ab.

9. Die Impfung schwächt das Immunsystem

Falsch

Impfstoffe überlasten ein gesundes Immunsystem nicht. Unsere Abwehr setzt sich täglich mit Hunderten Krankheitserregern auseinander. Es ist deshalb auch kein Problem, sich gleichzeitig gegen Grippe und ­Covid-19 impfen zu lassen.

10. Händewaschen ist die beste Grippeprävention

Teilweise richtig

Die Impfung gegen die Grippe ist die wichtigste Präventionsmassnahme. Einfache Hygieneregeln tragen dazu bei, sich nicht mit Infektionskrankheiten wie Grippe, Covid-19 oder einer Erkältung anzustecken. Die Viren gelangen beim Sprechen, Husten und Niesen nach draussen und können von anderen eingeatmet oder über kontaminierte Oberflächen aufgenommen werden. Die erste Regel ist häufiges und richtiges Händewaschen. Für unterwegs sind Handdesinfektionsmittel hilfreich.

In engen, überfüllten Räumen wie im Zug oder Tram ist das Tragen einer Maske von Vorteil, wenn man sich nicht anstecken möchte. Um andere Menschen zu schützen, ist es sinnvoll, bei Husten, Schnupfen und Co. zu Hause zu bleiben, bei Fieber sowieso. Wer trotzdem unterwegs ist, sollte beim Husten und Niesen Abstand zu anderen halten und sich wegdrehen. Es empfiehlt sich, in ein Taschentuch zu husten oder zu niesen. Danach das Taschentuch entsorgen und gründlich die Hände waschen oder desinfizieren. Ist kein Taschentuch vorhanden, in die Armbeuge husten oder niesen.

11. Nach einer Grippe muss man sich schonen

Teilweise richtig

Man sieht eine Illustration, die eine Grippe aufzeigt und das, was man dagegen tun kann.
Nach der Grippe lieber warten mit grossen körperlichen Anstrengungen.

Wie lange jemand nach einer Grippe auf Sport verzichten soll, kommt darauf an, wie schwer der Verlauf war und wie gut der allgemeine Gesundheitszustand ist. Generell gilt: Wer sich wieder fit fühlt, kann langsam mit einem lockeren Training beginnen und es nach und nach steigern. Wichtig ist, den gesunden Menschenverstand anzuwenden und auf die Signale des Körpers zu achten. Treten beim Sport Müdigkeit und Erschöpfung auf, hat sich der Körper noch nicht ausreichend erholt.

12. Die Grippeschutzimpfung nützt sowieso nichts

Falsch

Das Hauptziel der Impfung ist, schwere Verläufe und Komplikationen zu verhindern. Hier ist sie erfolgreich: Geimpfte haben ein viel geringeres Risiko, Komplikationen zu entwickeln. Die Impfung schützt jedoch nicht immer davor, krank zu werden. Wie gut sie vor einer Ansteckung schützt, ist von Jahr zu Jahr verschieden, weil die zirkulierenden Virusstämme jährlich variieren und die Zusammensetzung der Impfstoffe nur auf Vorhersagen beruht. Zudem wirkt die Impfung nicht bei allen Menschen genau gleich. In guten Jahren liegt die Erfolgsquote der Grippeimpfung bei bis zu 70 Prozent, in schlechten Jahren unter 30 Prozent.

Man sieht eine Illustration, die eine Grippe aufzeigt und das, was man dagegen tun kann.
Auch die Angst vor der Spritze hält viele Menschen von einer Impfung ab.

13. Bei einer Grippe treten die Symptome oft plötzlich auf

Richtig

Vormittags noch bei der Arbeit, nachmittags krank im Bett: Menschen, die an einer Grippe erkranken, beschreiben häufig, dass sich ihr Zustand innerhalb weniger Stunden verändert hat. Anders ist das bei einer Erkältung, die oft mit der Grippe verwechselt wird. Eine Erkältung entwickelt sich meist schleichend, oft erst mit leichtem Hals- oder Schluckweh. Auch bei Covid-19 verschlimmern sich die Beschwerden eher langsam, manchmal über Tage. Typisch für eine Grippe hingegen sind plötzlich auftretende Gliederschmerzen, Fieber und Schüttelfrost, schwere Abgeschlagenheit und Kopfschmerzen. Auch Halsweh, Husten und Schnupfen können vorkommen, gehören jedoch nicht zu den Hauptsymptomen.

14. Bei einer Grippe helfen Antibiotika

Falsch

Die Grippe wird von Influenzaviren verursacht – Antibiotika können da nichts ausrichten. Sie bekämpfen nur Bakterien. Manchmal folgt auf eine Grippe eine bakterielle Infektion als Komplikation. Zum Beispiel eine Lungenentzündung. In diesen Fällen ergibt es Sinn, Antibiotika einzusetzen.

15. Das antivirale Medikament Tamiflu nützt nicht gegen die Grippe

Falsch

Tamiflu enthält den antiviralen Wirkstoff Oseltamivir und wird in den ersten 48 Stunden nach Erkrankungsbeginn eingenommen. Jüngeren, sonst gesunden Menschen, die an Grippe erkranken, bringt das Medikament keinen relevanten Nutzen. Studien weisen darauf hin, dass das Mittel die Krankheitsdauer nur um einige Stunden, maximal einen Tag verkürzt. Das Medikament wird jedoch bei Grippepatientinnen und -patienten im Spital eingesetzt, da damit Komplikationen verhindert werden können.

Nützliche Links

Der Grippeimpfcheck hilft bei der Einschätzung der persönlichen Risiken.

Entwicklung der Grippefälle in der Schweiz.

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