Mit der Milch durch die Nacht
Das Wichtigste in Kürze:
- Der Gossauer Milchtransporteur J. Meier Grüt wird 50 Jahre alt
- Sorgen bereitet der Firma die Abgabepolitik seit 2001
- Die Suche nach Chauffeuren wird immer schwieriger – auch wegen hoher Ausbildungskosten
Die Lücke zwischen Landwirt und Milchverarbeiter zu schliessen – das ist die Aufgabe der J. Meier Grüt Transporte AG – und dies zum Teil mitten in der Nacht. Bis am frühen Morgen touren ihre Chauffeure von Bauernhof zu Bauernhof, damit die frische Milch rechtzeitig zur Weiterverarbeitung bereit ist.
Solch extreme Arbeitszeiten gab es noch nicht, als die Gossauer Firma vor genau 50 Jahren gegründet wurde. Damals suchten die Bauern noch Sammelstellen auf und schütteten die Milch aus ihren Kannen in einen gekühlten Tank, der dann abtransportiert wurde.
Das ist weit weg vom heutigen Arbeitsalltag. Mit ihren 50 Mitarbeitern gehört die J. Meier Grüt zu den grösseren der etwa 70 Schweizer Transporteure der Branche. Die Firma ist in der ganzen Ostschweiz und im Mittelland unterwegs. Ein Dutzend Fahrzeuge suchen jeweils 370 Bauernhöfe und Käsereien auf.
Abholen beim Erzeuger
Sammelstellen gebe es heute fast keine mehr, wie Monika Meier, Geschäftsführerin in der zweiten Generation, erklärt. Das sei für Milchbauern praktischer: «Der Aufwand für den Betrieb der Sammelstelle und der Weg dorthin entfällt.» Dafür würden die Bauern nun eine Abholpauschale an die Milchverarbeiter zahlen, die wiederum die Auftraggeber der Transporteure seien.
«Die LSVA beschert uns heute Mehrkosten von über 600’000 Franken pro Jahr.»
Monika Meier, Geschäftsführerin J. Meier Grüt Transporte
Für diese bedeute die Hofabfuhr einen höheren Dieselverbrauch, mehr Arbeitsaufwand und letztlich mehr Abgaben. Die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe (LSVA) mache der J. Meier Grüt seit ihrer Einführung 2001 immer wieder Sorgen, wie Meier sagt. «Die LSVA beschert uns heute Mehrkosten von über 600’000 Franken pro Jahr.»
Bis heute sei es nicht gelungen, diese Abgaben vollumfänglich auf den Auftraggeber abzuwälzen, was folglich die Gewinnmarge verkleinere.
Nutzniesser des Wandels
Umgekehrt profitiert die Transportfirma ungewollt von einer anderen Entwicklung: von der Tendenz zu weniger, aber dafür grösseren Höfen. «Kleinbauern sehen sich mit den gleichen Auflagen konfrontiert wie grosse Höfe. Die Investitionen sind dann in manchen Fällen im Hinblick auf die verhältnismässig kleinen Milchmengen nicht tragbar», so Meier.
Wenn nun ein Kleinbauer sein Milchkontingent an einen grösseren Hof abgibt, ist das für den Milchtransporteur aus Grüt nichts Negatives. Es sei denn, das Kontingent verschwindet in eine ganz andere Ecke der Schweiz, wo die Konkurrenz tätig ist.
Automatisch und digital
Auch technisch hat sich viel getan: Die Tanks der heutigen Fahrzeuge bestehen nicht mehr aus Aluminium, sondern aus Chromstahl und sind zudem isoliert. Eine automatisierte Innentankreinigung sorgt für schnelle und gründliche Hygiene.
Inzwischen kann die Flotte viel mehr, als nur Rahm und Milch von A nach B zu befördern. Durch elektronische Datenerhebung werden der Auftraggeber und die J. Meier Grüt laufend über Abholzeit, Milchmenge oder -temperatur informiert. Von der Milch jedes Hofes füllen die Fahrzeuge automatisch ein Probefläschchen ab, um die Herkunft ermitteln zu können, falls bei der Qualitätsprüfung Mängel auftauchen.
«E s ist einfach praktisch und vereinfacht unsere Arbeit.»
Monika Meier, J. Meier Grüt
Bereits 1971 liess das Unternehmen die erst ein Jahr zuvor von einem Schweizer erfundene Milchmessanlage einbauen. 20’000 Franken pro Fahrzeug kostete diese technische Errungenschaft damals. Solche Innovationen habe die J. Meier Grüt oftmals ohne Druck des Auftraggebers umgesetzt. «Weil es einfach praktisch ist und unsere Arbeit vereinfacht», so Monika Meier.
Nachwuchs händeringend gesucht
Wenn die Firma am 30. August ihr 50-jähriges Bestehen feiert, ist das auch ein Anlass, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Dabei gibt es für die Geschäftsführerin vor allem eine Herausforderung: Chauffeure zu finden. Die gesamte Transportbranche leidet unter dem starken Nachwuchsmangel. «Die Ausbildung kostet heute etwa 15’000 Franken. Es findet sich kaum jemand, der etwa bloss aushilfsweise als Chauffeur arbeiten möchte und bereit ist, so viel zu zahlen», erklärt Meier.
«M itten in der Nacht von Bauernhof zu Bauernhof zu fahren, ist ziemlich hart.»
Monika Meier, J. Meier Grüt
Natürlich haben es die Chauffeure für den Milch- und Rahmtransport in mancher Hinsicht leichter als Fernfahrer und sind nicht tagelang von zuhause weg. «Doch mitten in der Nacht von Bauernhof zu Bauernhof zu fahren, ist auch ziemlich hart», räumt Monika Meier ein.
Silvan Hess