Mit 44 diktiert er noch immer das Tempo
Noch eine Saison, ja, das muss sein. Und dann? Noch eine? Ein Achselzucken. Er spielt einfach gerne, und so gut wie nie ist ihm der Aufwand zu gross geworden oder das Training zu anstrengend.
Also sagt Orhan Cavgin: «Ich lasse mir alle Optionen offen.» Und bringt so manchen zum Staunen, denn: Orhan ist 44, geboren am 25. November 1976. Die Bühne des vermeintlichen Seniors ist die 2. Liga.
44 also. Wobei: Was tut das bei einem wie ihm schon zur Sache, bei einem, der die Luft eines 20-Jährigen hat, der bei Dauerläufen nicht um den Anschluss ringt, sondern das Tempo mitdiktiert und sich nicht das Recht herausnimmt, auf die eine oder andere Übungseinheit zu verzichten.
«Wenn ich etwas mache, dann richtig», sagt er, «und solange ich in der 2. Liga mithalte, solange der Spass da ist und ich nicht mit Verletzungen zu kämpfen habe, gibt es keinen Grund, an den Rücktritt zu denken.»
Ist er in seinem Alter überhaupt noch nervös vor einer Partie? «Nervös nicht», antwortet er, «aber es kribbelt immer noch. Und das ist ein gutes Zeichen.»
Fan des FC Bayern München
Cavgin kommt in Bern zur Welt, seine Jugend verbringt er aber in Wetzikon, absolviert eine Ausbildung zum Elektriker und fängt als Knirps an, Fussball zu spielen. Natürlich schaut er gern den Besten zu im Fernsehen, Zinédine Zidane zum Beispiel.
Aber sein Idol ist keiner der Berühmten, sein Vorbild heisst Erhan und ist sein älterer Bruder, durch ihn entwickelt auch er Sympathien für den FC Bayern München.
Orhan Cavgins Traum ist es in ganz jungen Jahren nicht, Karriere in einer grossen Liga Europas zu machen, sondern einen Platz in der 1. Mannschaft des FC Wetzikon zu erobern. Mit 17 schafft er den Sprung in das Zweitliga-Team, steigt mit seinen Kollegen in die 1. Liga auf und denkt sich: Toll wäre es, einmal in der Nationalliga B zu landen.
Es gehört zu den Stärken von Cavgin, dass er sich einschätzen kann und nie den Bezug zur Realität verliert. «Ich wusste immer, was ich kann», sagt er, «und ich wusste eben auch, was ich nicht kann.»
Cavgin hält sich nicht für unwiderstehlich oder einen Künstler, der das Gefühl hat, die Rückennummer 10 tragen und ein Spiel lenken zu müssen.
«Er war ein pflegeleichter Spieler, wie man ihn sich als Trainer nur wünschen kann. Orhan war nie ein Besserwisser, nie einer, der meinte, er müsse sich in den Vordergrund drängen.»
Salvatore Andracchio, ehemaliger Trainer von Cavgin
Der schweizerisch-türkische Doppelbürger zählt zu den unnachgiebigen Arbeitern, die ihr Handwerk beherrschen und das Interesse des Teams über alles andere stellen. Sein Revier sind vornehmlich das rechte Mittelfeld und die rechte Abwehrseite.
Wetzikon, Freienbach, YF Juventus, Seefeld, Rapperswil-Jona, Küsnacht, Dietikon, Horgen, Regensdorf, Urdorf, seit einem Jahr Dübendorf – es kommen über all die Jahre doch einige Stationen zusammen. Cavgin sammelt Erfahrungen auf verschiedenen Stufen, er ist Erstliga-erprobt und bringt es auch in die Challenge League.
Tore in den Aufstiegsspielen
2004 gelingt YF Juventus die Promotion, und Cavgin erlebt in jenen Tagen eine kleine Sternstunde: Im Aufstiegsspiel gegen Malley erzielt er im Utogrund in der Verlängerung kurz vor dem Abpfiff das 3:0 mit einem Schuss aus weiter Entfernung. In der nächsten Runde trifft er erneut, diesmal gegen Tuggen.
Cavgin, der Defensivspezialist mit der beeindruckenden Schussstärke, steht nicht im Ruf, ein Torjäger zu sein. Darum vergisst er solche Momente selbstredend nicht.
In der Aufstiegssaison ist zuerst Salvatore Andracchio sein Trainer, den er lobend erwähnt als einen der besten, den er in seiner Laufbahn hatte. Andracchios Erinnerungen an die Zeiten vor 17 Jahren sind zwar nicht mehr taufrisch, aber wenn es um Cavgin geht, hat er das Bild eines «feinen Menschen» im Kopf.
«Er war ein pflegeleichter Spieler, wie man ihn sich als Trainer nur wünschen kann. Orhan war nie ein Besserwisser, nie einer, der meinte, er müsse sich in den Vordergrund drängen. Er erledigte seine Arbeit topseriös und gehörte zu den stärksten Läufern.»
«Auf dem Platz gehört er mit seinen Leistungen zu den Leadern.»
Luca Ferricchio, Trainer FC Dübendorf
Als Andracchio hört, dass Cavgin mit 44 immer noch in der 2. Liga aktiv ist, sagt er: «Gratulation! Ein Vorbild für die Jungen! Orhan achtete früher schon immer auf seinen Körper. Von daher ist es kein Zufall, dass seine physische Verfassung weiterhin top ist.»
Urs Schönenberger, der Andracchio bei YF Juventus im Frühjahr 2004 als Trainer ablöste, kündigt schon einmal an: «Ich werde sicher einmal ein Spiel des FC Dübendorf besuchen.»
Das Lob von Ferricchio
Sein Trainer heute heisst Luca Ferricchio, der Cavgin unter anderem aus gemeinsamen Zeiten als Spieler bei YF Juventus kennt. «Orhan ist Gold wert für uns», sagt der 38-jährige Coach, «auf dem Platz gehört er mit seinen Leistungen zu den Leadern. In der Kabine versorgt er gerade die Jungen mit wichtigen Tipps.»
Cavgin lebt in Bülach, spielt in Dübendorf und arbeitet überall in der Region – als Wohnberater im Aussendienst ist er seit 14 Jahren ständig unterwegs. Wenn der 1,83 Meter grosse Verteidiger mit dem FC Dübendorf in die Saison startet, strebt er den maximalen Erfolg an.
«Immer gewinnen und möglichst weit vorne landen», das sei sein Ziel, aber er ist zu sehr Realist, als dass er den Aufstieg zur ultimativen Zielvorgabe erklären würde. Oben mitspielen, davon spricht Ferricchio, und er weiss auch, welche Basis dafür benötigt wird: «Defensive Stabilität. Wenn die vorhanden ist, traue ich es uns zu, in der Liga vorne mitzuspielen.»
Sagts und fügt an: «Ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Auch dank Orhan Cavgin.» (Peter M. Birrer)
Die Auswärtsschwäche ablegen
So richtig festlegen will sich Dübendorfs Trainer Luca Ferricchio nicht. Er sagt: «Wir konnten uns punktuell verstärken.» Aber auch: «Es könnte eine schwierige Saison werden.» Für ihn ist gleichzeitig klar: Ein Klub wie der FC Dübendorf muss den Anspruch haben, in der 2. Liga vorne mitzuspielen.
Besonders auffällig im personellen Bereich ist das Hin und Her zwischen Volketswil und Dübendorf. Es hat allerdings auch eine gewisse Logik, da Sebastian Marda, ein ehemaliger FCD-Assistenztrainer, und der bisherige Spieler Kevin Hediger das Zepter beim Aufsteiger aus dem Griespark übernommen haben. Und doch dürften einige Abgänge die Glattaler Verantwortlichen schmerzen. Basil Frefel, Cédric Nef oder Adriano Pergolis trugen in ihrer gesamten Karriere bisher nämlich nur das orange Dübendorf-Trikot.
Ferricchio seinerseits hat nach einer schwierigen Saison, in der noch bis zur letzten Runde um den Klassenerhalt gebangt werden musste, bei den Neuverpflichtungen insbesondere ein Auge auf die Defensive gelegt. Mit Evripidis Blantas und Paulin Kqira zogen sich zwei verlässliche Kräfte im Frühling schwere Verletzungen zu. Eine Veränderung gab es zudem auf dem Posten des Assistenztrainers, wo der bisherige Brüttiseller Stürmer Zahir Idrizi für Karim Fejry übernommen hat.
Die Basis für ein besseres Abschneiden der Dübendorfer ist, dass sie konstanter werden. Auswärts waren sie aber zuletzt vor allem eines: ein verlässlicher Punktelieferant. Fünf der sechs Spiele gingen auf fremdem Terrain verloren. Erst in der letzten Partie gab es in Effretikon beim bereits abgestiegenen FCE einen Erfolg. Dieser war auch tatsächlich nötig, um das Schlimmste abzuwenden – als schlechtester Viertletzter abzusteigen. Doch wie kommt mehr Verlässlichkeit in das Spiel des FC Dübendorf?
«Der Fitnessstand muss auf ein anderes Niveau», hat Ferricchio festgestellt. Gerade die beiden Corona-bedingten langen Auszeiten seit März 2020 haben den Glattalern überhaupt nicht gutgetan. Insofern können die doch erheblichen Mutationen im Kader auch eine Chance sein. Der 38-Jährige spricht sogar von einem Umbruch und hält fest: «Es braucht frischen Wind.» (dsc)