Meinung

No öppis …

Ein kleiner Staubfänger mit grossem Wert

Weniger ist mehr – nach diesem Motto lebe ich seit Jahren. Nicht so meine Oma, die in einem riesigen Haus allerlei hortet. Beim Ausmisten musste ich allerdings zugeben: Nicht alles, was nach Ramsch aussieht, gehört auf den Müll.

Ein kleiner Staubfänger mit grossem Wert

No öppis …

Weniger ist mehr – nach diesem Motto lebe ich seit Jahren. Nicht so meine Oma, die in einem riesigen Haus allerlei hortet. Beim Ausmisten musste ich allerdings zugeben: Nicht alles, was nach Ramsch aussieht, gehört auf den Müll.

Ich war letztens bei meiner Oma in Deutschland. Wie es sich für eine Oma gehört, wohnte sie bis anhin in einem viel zu grossen Haus mit einem viel zu grossen Estrich, in dem viel zu viele alte Erinnerungen lagerten: mein Puppenhaus, das dort oben seit Jahrzehnten verstaubte, alte Schulhefte meiner Mutter oder von Motten zerfressene Kleidungsstücke meines Opas, der vor 15 Jahren gestorben ist.

Kein Wunder also, wurde ich bei meinem Besuch zum Ausmisten verdonnert. Meine Oma sollte ins Altersheim ziehen, wo sie, besonders seit die Demenz starke Spuren hinterlässt, besser aufgehoben ist als allein in einem riesigen Haus.

Also machten wir uns ans Werk. Ich war nicht gerade begeistert. Schliesslich habe ich vor einigen Jahren angefangen, mein Hab und Gut konsequent zu reduzieren. Ich gebe gerne Geld aus, verstehen Sie mich nicht falsch. Aber lieber für Ferien, gutes Essen, Cocktails und Erlebnisse, die mir später noch etwas erzählen können. Ich hatte nie ein grosses Faible für Keramikfiguren, die im Regal verstauben, teure Kleider, die ich ohnehin nie alle anziehe, oder dutzende Paar Schuhe.

Meine Oma sieht das anders. Auf ihrem Sofa sitzen sauber aufgereiht dreissig Teddybären. Im Schrank wartet ein sündhaft teures Silberservice darauf, dass spontan zwei Dutzend Freunde zu Kaffee und Kuchen vorbeischauen. Über die Jahre haben sich ausserdem ein stattliches Arsenal an Kleidern und Schmuck zusammengetragen – und das sind nur die Dinge, die sie noch benutzt.

Dementsprechend rechnete ich eigentlich damit, dass sich meine Oma trotz Demenz gegen jedes Wegwerfen wehren würde – denn sie hängt an den Dingen. Zwischen Kisten und Kartons arbeiteten wir uns also durchs Gerümpel und haben grosszügig ausgemistet.

Doch dann stiessen wir tatsächlich auf einen kleinen Schatz: die alte Spieluhr meiner Mutter. Sie funktionierte noch. Nach Jahrzehnten im Dachstock spielte sie unbeirrt Debussys «Clair de Lune», als hätte sie nie etwas anderes getan.

Und plötzlich war da noch etwas anderes als Gerümpel. Meine Oma erzählte, wie meine Mutter als Kind in ihrem Zimmer sass und stundenlang mit ihren Puppen spielte, während im Hintergrund die Spieluhr lief. Für einen Moment schien die Musik eine Tür in der Erinnerung meiner Oma zu öffnen, die sonst oft verschlossen bleibt.

Ich, die sonst erstaunlich wenig an Materiellem hänge, war plötzlich selbst kurz davor, ein Tränchen zu verdrücken.

Wieder zu Hause, machte ich mich trotzdem erneut ans Ausmisten. Die Unmengen an Kram bei meiner Oma hatten mich offenbar angesteckt, auch bei mir wieder mal «Klar Schiff» zu machen. Alte Kleider und ein paar Handtaschen wanderten in die Altkleidersammlung. Jetzt habe ich wieder mehr Platz für Fotos von schönen Erlebnissen. Und für eine kleine, alte Spieluhr.

Denn vielleicht ist nicht alles, was alt ist, auch Gerümpel. Manches Überbleibsel aus der Vergangenheit ist eine Erinnerung, die nur darauf wartet, wieder aufgezogen zu werden.

In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

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