Nationalstolz: Mehr Fantasy als Realität?
Die nationale Symbolik der Schweiz hat mehr mit Phantasiewelten zu tun als mit der Realität. Deshalb, finde ich, sollten wir uns von ihr nicht zu sehr vereinnahmen lassen.
Da ist er wieder, der Nationalfeiertag. Er fällt in eine Zeit, in der Nationalstolz und Patriotismus wieder ziemlich en vogue sind. Ein guter Zeitpunkt für einen Realitätscheck. Denn: Vieles von dem, was wir feiern, wenn wir unsere Nation zelebrieren, hat mehr mit Fantasy-Geschichten als mit der Realität zu tun.
Das fängt beim Datum des Nationalfeiertags an. Dass wir ausgerechnet am 1. August feiern, ist einem politischen Entscheid zu verdanken. So entschied der Bundesrat 1889 klipp und klar: Der Rütlischwur am 1. August 1291 markiert den Tag, an dem die Schweizer Eidgenossenschaft zu existieren begann. Dass dieser allein noch keinen Staat macht, das Datum umstritten ist und die Einführung der ersten Verfassung 1848 eigentlich viel mehr über unser Land aussagt, schien egal zu sein.
Klar doch – ein Schwur auf einer idyllischen Wiese im Herzen unseres zerklüfteten Alpenlands, das gibt einfach die viel bessere Story her als irgendein schnödes Stück Papier. Fair enough! Schliesslich hat jedes respektable Volk, von den alten Römern bis zu den Amerikanern, einen Gründungsmythos, auf den es sich einmal jährlich beziehen kann.
Dass dieser Tag noch heute ein Feiertag ist, dafür bedarf es einer Nation, die an diesen Mythos glaubt. Die Nation als solches ist aber ein Konstrukt, man kann sie weder anfassen noch wirklich sehen. Wie die Superheldenuniversen von Marvel & Co.: Auch sie existieren nur, weil wir an sie glauben.
Die Nation ist also vor allem ein gut genährtes – und im Gegensatz zu den Phantasiewelten aus Hollywood politisch legitimiertes – Hirngespinst. Ihr volles Potenzial entfaltet sie nur, wenn sie in dieselbe Trickkiste greift wie die Comicverfilmungen: Mit Wappen, Nationalhymnen und Helden wie Wilhelm Tell haben wir um die Idee einer Nation herum eine umfangreiche Erzählwelt konstruiert. Nur Zeitreisen und übernatürliche Superschurken gibt es hier nicht.
So sehr der Vergleich passt, stellt er uns vor ein Problem. Superheldengeschichten arbeiten mit einfachen Narrativen. Gut und Böse sind klar benannt. Doch die Realität ist kein Filmdrehbuch. Je verbissener wir versuchen, sie in vorgefertigte Schubladen zu pressen, desto enger wird unser Horizont. Irgendwann sieht man das Land vor lauter Nationalsymbolen nicht mehr.
Denn das Land hat sich im Gegensatz zu seinen uralten Mythen und Symbolen entwickelt. Das Bild von der homogenen Schweiz als Einheit ist nicht nur veraltet, es war noch nie aktuell.
Sollte Sie das nun davon abhalten, am 1. August ihre Heimat zu feiern? Bloss nicht! Denken Sie einfach daran: Heimat findet man auch jenseits der gelernten nationalen Symbolik. Denn was Heimatgefühle auslöst, ist individuell.
Der Wohnort, die eigenen vier Wände, die Familie, der Freundeskreis. In diesen vielfältigen Gemeinschaften entscheidet sich doch, wer wir sind und wofür wir stehen. Für alles andere ist das Kino zuständig.
In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

