Für unsere Sicherheit braucht es mehr Soldaten statt Zivis
Leitartikel zur Revision des Zivildienstgesetzes
Die Armee leidet an Auszehrung. In unsicheren Zeiten wählen immer mehr den Zivildienst. Dabei werden diese Leute für den Schutz unseres Landes benötigt.
Irgendwie ist die Situation paradox: Die allermeisten Schweizerinnen und Schweizer beurteilen die weltpolitische Lage sehr pessimistisch. Zwar fühlt sich die grosse Mehrheit im eigenen Land noch sicher, wie die jüngste Sicherheitsstudie der ETH Zürich und der Militärakademie ergeben hat. Diese basiert auf einer Befragung von über 2000 Personen. Doch das Sicherheitsgefühl liegt auf dem tiefsten Stand seit 20 Jahren. Auch die Armee erhält angesichts des Ukraine-Kriegs so hohe Zustimmungswerte wie kaum je seit dem Kalten Krieg. Volle 83 Prozent erachten sie für unbedingt oder eher notwendig.
Wenn es dann aber um die persönliche bewaffnete Teilnahme an der Verteidigung geht, sinkt die Bereitschaft unter den Stimmberechtigten massiv. Nur knapp die Hälfte der Befragten würde zur Waffe greifen, wenn die Schweiz angegriffen würde. Diese Einstellung zeigt sich auch unter den jungen Wehrdienstpflichtigen. Satte 30 bis 40 Prozent eines Armeejahrgangs zeigen dem Militär den Rücken und leisten lieber Zivildienst.
Dieser Absatzbewegung soll ein Riegel geschoben werden. Am 14. Juni stimmen wir über die Änderung des Zivildienstgesetzes ab. Der Bundesrat will mit sechs Massnahmen die Attraktivität des Zivildiensts reduzieren und so Armee und Zivilschutz die dringend benötigten Leute bewahren. Wenn die Absatzbewegung so weitergeht, wird schon in wenigen Jahren der Sollbestand von 100’000 Armeeangehörigen nicht mehr gewährleistet werden können. Und unsere Sicherheit noch weniger. Daher gilt es jetzt zu handeln. Der Bundesrat hofft, mit den Massnahmen die Zulassungen in den Zivildienst um 40 Prozent reduzieren zu können.
Gegen die Revision ins Zeug legen sich all diejenigen, die heute von Zivis profitieren. Und das sind viele, von Heimen über Bauern bis zu Schulen. Auch sie reklamieren, dass sie bei einem Ja ein massives Personalproblem hätten. Völlig unter den Tisch gewischt wird der Fakt, dass der Zivildienst explizit nur als Ersatzdienst für Menschen mit einem Gewissenskonflikt eingeführt worden war – und nicht etwa zur Abdeckung von Funktionen, die von Freiwilligen oder auch durch Angestellte geleistet werden sollten. Die heutige faktische Wahlfreiheit zwischen Militär- und Zivildienst ist schlicht verfassungswidrig. Der Zivildienst ist laut Bundesverfassung jenen vorbehalten, die den Militärdienst mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren können – und das trifft gemäss eigenem Bekunden sehr vieler Zivis nicht auf sie zu.
Das Zivi-Dasein ist deutlich angenehmer als Militärdienst. Nicht nur sind die Arbeitszeiten begrenzt und sehr berechenbar. Die Wochenenden dauern für einen Zivi normalerweise vom Freitagabend bis zum Montagmorgen – ganz anders bei Armeeangehörigen. Jeden Abend geht es für den Zivi zurück ins eigene Bett, statt in der Kaserne ein Mehrbettzimmer mit anderen teilen zu müssen.
Nicht einmal der im Jahr 2009 eingeführte Tatbeweis, der für Zivis 1,5-mal so viele Diensttage wie für einen Armeeangehörigen brachte, vermochte die Attraktivität des Zivildiensts zu bremsen. Ganz im Gegenteil: Seit es keine Gewissensprüfung mehr braucht, explodierten die Zulassungen in den Zivildienst förmlich. Lagen sie zuvor noch bei rund 1600 pro Jahr, wurden sie auf das Vierfache hinaufkatapultiert. 2025 sind es schon 7211 gewesen. Zur Erinnerung: 1996, als der Zivildienst eingeführt wurde, waren es gerade einmal 96 Männer, die glaubhaft machen konnten, dass sie der Militärdienst in eine Gewissensnot stürzen würde.
Bei näherer Betrachtung zeigt sich auch, dass der Zivildienst, der eigentlich länger dauern sollte als der Militärdienst, de facto kürzer ist. Werden die effektiven Arbeitszeiten im Militärdienst – die schnell einmal bei 14 Stunden pro Tag liegen können – gegenüber einer 40-Stunden-Woche von Zivis zum Vergleich herangezogen, kommen wir wiederum auf einen Faktor von 1,5, aber zuungunsten der Armeeangehörigen.
Seit mittlerweile über vier Jahren führt Russland einen brutalen Krieg, in welchem schon Hunderttausende umgekommen sind. Was würden all die angeblich moralisch bewegten Waffenverweigerer machen, wenn dieser Krieg weiter in den Westen und auf die Schweiz überschwappt?
Es reicht eben nicht, die Armee nur im Allgemeinen zu befürworten und darauf zu vertrauen, dass andere im Inland oder die Nato rund um die Schweiz für die eigene Sicherheit sorgen. Es braucht das Hinstehen und den Beitrag jedes Einzelnen für die Sicherheit aller. Ein Ja zur Revision des Zivildienstgesetzes ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg, der Armee und dem Zivilschutz das nötige Personal zu sichern und der Wehrgerechtigkeit wieder Nachachtung zu verschaffen.
