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No öppis…

Warum alte Häuser Demut lehren

Alte Häuser haben ihren eigenen Charakter. Sie ächzen, überraschen und entziehen sich oft der totalen Kontrolle. Genau darin liegt für unsere Redaktorin der besondere Reiz.

Unsere Redaktorin lebt in einem alten Haus, das birgt Tücken, bringt aber auch Lehrreiches.

Foto: Eleanor Rutman

Warum alte Häuser Demut lehren

No öppis …

Alte Häuser haben ihren eigenen Charakter. Sie ächzen, überraschen und entziehen sich oft der totalen Kontrolle. Genau darin liegt für unsere Redaktorin der besondere Reiz.

Mein Haus ist über 200 Jahre alt und hat ungefähr dieselbe Haltung wie ältere Menschen auf dem Land: Es knarzt, interessiert sich nicht für moderne Effizienz und behält seine Geheimnisse lieber für sich.

In meiner gefliesten Küche gibt es zum Beispiel eine lose Bodenplatte. Wenn man drauftritt, macht sie ein lustiges Geräusch. So was wie «Qurrrtuggg». Sie ist nicht gefährlich lose. Eher geheimnisvoll lose. Sodass ich und meine Gäste uns oft fragen, ob darunter vielleicht ein kleiner Schatz versteckt liegt. Oder wenigstens ein Liebesbrief aus dem vorletzten Jahrhundert.

Ich habe versucht, die Platte herauszuheben. Keine Chance. Das Haus entschied offenbar, dass ich noch nicht bereit bin für seine Geheimnisse.

Alte Häuser hätten Charakter, sagen Menschen gern. Was sie meist meinen: schiefe Böden, schräge Wände, überraschende Geräusche und Reparaturen zu denkbar ungünstigen Zeitpunkten.

Neulich stand ich barfuss im Schlafzimmer und trat plötzlich in eine kleine Pfütze. Mein erster Verdacht galt der Katze. Mein zweiter einer unergründlichen Quelle im Untergrund. Die Wahrheit war weniger poetisch: Ein Heizungsrohr leckte. Dies an einem Sommertag. Natürlich an einem Sommertag. In die Jahre gekommene Häuser haben nämlich ein erstaunliches Talent für Ironie.

Immerhin, einige Erfolgserlebnisse habe ich vorzuweisen. Im letzten halben Jahr konnte schon einiges saniert werden: Ein neuer Spülkasten wurde beim WC installiert, zwei neue Dachfenster wurden angebracht, und die Waschmaschine wurde – endlich – repariert. Was noch ansteht, ist ein neuer Sichtschutz im Garten, den alten Haselzaun hat es bei einem Unwetter im letzten Jahr umgeworfen.

Was ich bei all dem lerne? Demut und Geduld. Man verabschiedet sich irgendwann von der Idee totaler Kontrolle. Irgendetwas tropft immer, irgendwo zieht es, und irgendeine Überraschung wartet garantiert hinter der nächsten Wand. Genau darin liegt aber auch der Charme. Alte Häuser sind das Gegenteil unserer durchoptimierten Gegenwart.

In Zeiten von Smart Home und selbstreinigenden Kaffeemaschinen wirkt ein 200-jähriges Haus manchmal wie passive Aggression in Gebäudeform. Vielleicht sehnen sich Menschen aber nach solchen Orten, weil dort nicht alles effizient und durchgetaktet ist – und genau darin ihre Lebendigkeit liegt.

Es erinnert mich daran, dass Schönheit wenig mit Perfektion zu tun hat. Dass Dinge altern dürfen. Und dass Charakter oft genau dort entsteht, wo etwas knarzt, schief in der Angel hängt oder nicht ganz reibungslos funktioniert. Und vielleicht bleibt die lose Bodenplatte genau dort, wo sie ist. Als Erinnerung daran, dass nicht alles im Leben sofort geöffnet, erklärt oder optimiert werden muss.

In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

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