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«Das macht mer doch nöd!»: Irgendwo zwischen Pragmatismus und Bünzlitum

Für Redaktorin Marie Fredericq gehören die Schweizer Gepflogenheiten genauso zum Leben wie die kleine Rebellion dagegen – die goldene Mitte eben.

Unserer Redaktorin Marie Fredericq sind viele Schweizer Gepflogenheiten heilig. Ein Regelbruch amüsiert sie dennoch.

Foto: Marie Fredericq

«Das macht mer doch nöd!»: Irgendwo zwischen Pragmatismus und Bünzlitum

No öppis ...

Für Redaktorin Marie Fredericq gehören die Schweizer Gepflogenheiten genauso zum Leben wie die kleine Rebellion dagegen – die goldene Mitte eben.

Als in Zürich geborene und aufgewachsene Frau bin ich trotz meinen deutschen Wurzeln durch und durch Schweizerin. Zumindest im Herzen. Ovomaltine Crunch schmeckt mir besser als Nutella, das rezente Fondue fliesst in meinen Adern, und wenn irgendwo mit Schweizer Qualität gepredigt wird, bin ich gar ein bisschen stolz.

Wo ich aber meine «Swissness» am meisten wiederfinde, ist im Verhalten in der Öffentlichkeit. Gewisse Gepflogenheiten sind mir einfach heilig.

Und so schnaube ich genervt, wenn auf der linken Seite der Rolltreppe rumgestanden wird oder ich nicht «zurückgegrüezit» werde. Es stehen mir die Haare zu Berge, wenn auf dem Förderband an der Supermarktkasse kein Trennerli benutzt wird oder manche Kandidaten in den Zug einsteigen, während andere ihn noch verlassen.

So habe ich es nämlich gelernt: Diese gesellschaftlichen Regeln werden befolgt, und davon profitieren wir schliesslich alle. Allem voran die einwandfreie Schweizer Effizienz. Und selten gerate ich an jemanden, der die Sache anders sieht. Eine der Kandidatinnen aber, mit der ich immer wieder darüber diskutiere, ist meine Mutter.

Verstehen Sie mich nicht falsch, sie ist keineswegs unfreundlich – aber doch pragmatisch. Regelmässig laufe ich ihr hinterher und «räume auf»: Ich bin die, die dann sagt: «Nein danke, wir schauen nur, mässi, mässi, wir melden uns sonst», die das Trennerli aufs Förderband bei der Kasse legt, die entschuldigend schaut, während sie sich über meine angeeignete Schweizer Überfreundlichkeit amüsiert.

Doch sie lässt sich nicht beirren. Es ist ihr egal, wenn sie dreimal nach etwas fragt, bei dem ich schon lange, aus Höflichkeit, den Mund halten würde und dadurch halt auf meinen Strohhalm oder meinen Extra-Parmesan verzichte. Aber wissen Sie, wer seinen Parmesan immer bekommt? Genau, meine Mutter.

Deshalb erwische ich mich doch manchmal dabei, wie auch ich mir das Kichern nicht verkneifen kann, wenn sie so tut, als hätte sie nicht gesehen, dass auch andere Menschen an der Bar anstehen und sie sich ein bisschen vordrängelt. Oder wenn sie in einen Apfel beisst, während wir noch an der Kasse aufs Bezahlen warten. Auch bei den Blicken, wenn sie an der Olma die Bratwurst genüsslich mit Senf verspeist, kann ich ein Schmunzeln nicht unterdrücken.

Die goldene Mitte scheint die Lösung wie bei allem im Leben – irgendwo zwischen Rebell und Bünzli. Genauso wie sie mich zur Weissglut treiben kann, bewundere ich meine Mama manchmal für diese kleinen Regelbrüche, die ein bisschen Spontanität und Leichtigkeit ins strukturierte Schweizer Leben bringen.

Um das Bünzlitum zu ehren, muss man vielleicht auch ab und an die Perspektive wechseln und nicht alles immer allzu ernst nehmen. Über dem Tellerrand oder jenseits des Kassenlaufbandtrennerli wartet auf einen kleinen Rebell ein kurzer Schwumm gegen den Strom, wenn man so will.

Also fragen Sie dreimal nach Extra-Parmesan und geniessen Sie Ihre Bratwurst, wie Sie wollen.
Aber – und da hört der Spass auf – stehen Sie ja nicht auf der linken Seite der Rolltreppe rum: «Ich hans nämlich pressant!»

In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

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