Das Velo als Statussymbol
No öppis …
Für Redaktorin Karin Sigg ist ihr neues Velo ein Lebensgefühl. Dass man damit gleichzeitig in eine neue Liga aufsteigt, war ihr zunächst nicht bewusst.
Vor Kurzem habe ich mir ein Velo gekauft. Ein Gravelbike, also eine Art Hybrid zwischen Renn- und Crossvelo. Ja, ich weiss: Ich folge damit einem Trend. Der Mangel an Angeboten beweist es – diese Velos sind derzeit heiss begehrt.
Und ja, ich weiss auch: Ich entspreche damit einem gängigen Klischee. Frauen und Männer in einem gewissen Alter legen sich offenbar gern ein Rennvelo zu. Oder einen Töff. Oder einen jüngeren Partner. «Um es nochmals wissen zu wollen», wie man im Volksmund so schön sagt.
Allerdings scheine ich bereits in einer höheren Altersklasse angekommen zu sein. Denn wenn ich begeistert von meinem neuen Velo erzähle, kommt fast immer die gleiche Frage: «Ein Velo mit Strom?» Wenn ich dann entsetzt verneine, folgt verständnisvoll-nachsichtig: «Ah. Wettsch es namal wüsse.»
Wie dem auch sei – ich schwebe derzeit auf Wolke sieben. Mein neues Alu-Ross trägt mich nicht nur durch Wälder und über Kieswege, sondern auch motiviert ins Büro. Der Arbeitsweg ist plötzlich kein Weg mehr, sondern ein Wettkampf. Gegen mich selbst. Und gegen gestern: Schaffe ich es schneller als letztes Mal?
Als ich kürzlich so glückselig mit meinem heiss geliebten Gravelbike auf dem Heimweg war, passierte es dann: Ich überholte einen E‑Biker. Einfach so, en passant. Und das fast ohne jede Anstrengung.
Beflügelt trat ich weiter in die Pedale und erlebte wenig später einen spannenden Nebenaspekt, den ich bisher komplett unterschätzt hatte: meinen neuen Status, den ich mir mit dem Velo gleich mitgekauft habe.
Rennvelofahrer leben nach einem geheimen Kodex. Man grüsst seinesgleichen. Gravelbike-Fahrer gehören dazu. Punkt. Normale Velofahrer nicht. Mountainbiker sowieso nicht.
Ich kenne dieses Gesetz schon länger. Mein Mann – auf einem «oldschool» Touren-Rennrad – wird von Rennvelofahrern freundlich gegrüsst. Ich hingegen wurde bisher konsequent ignoriert. Obwohl ich mit dem Mountainbike direkt daneben fuhr. Oder dahinter. Und keuchend sichtbar litt.
Kurz nach meinem ersten Erfolgserlebnis mit dem Überholmanöver kam mir also ein waschechter Rennvelofahrer entgegen. Profi-Outfit, atemberaubende Geschwindigkeit. Und: Er grüsste mich. Genauso wie der Nächste. Und der Übernächste. Und sogar der junge Mann, der an mir vorbeijoggte.
Es fühlte sich grossartig an. Ich habe es geschafft. Ich bin aufgestiegen in die Liga der Schnellen und Sportlichen. Ich habe mir Respekt und Anerkennung der Schweizer Sportwelt erarbeitet.
Nicht mit einer Harley. Nicht mit einem schnittigen Sportwagen. Und auch nicht mit einem ultrateuren Carbon-Rennvelo. Sondern mit einem gebrauchten Gravelbike von der Velobörse – aber das weiss ja keiner.
Das Velo ist also nicht nur Ausdruck eines Lebensgefühls, sondern ganz offensichtlich auch ein Statussymbol.
In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.
