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Ufgschnappt

Die letzte Sitzung: Ein ungeplanter Abgang und ein Appell aus der Bibel

Am Montag waren die Stadträte Stefan Feldmann (SP) und Cla Famos (FDP) das letzte Mal an einer Sitzung des Parlaments dabei. Unsere Beobachtungen aus dem Saal.

Für Stefan Feldmann (SP) war es seine letzte Sitzung im Parlament als Stadtrat.

Archivfoto: Christian Merz

Die letzte Sitzung: Ein ungeplanter Abgang und ein Appell aus der Bibel

Ufgschnappt

Am Montag waren die Stadträte Stefan Feldmann (SP) und Cla Famos (FDP) das letzte Mal an einer Sitzung des Parlaments dabei. Unsere Beobachtungen aus dem Saal.

Zehn Minuten nach halb neun Uhr, kaum war der Klang der Ratsglocke im Gemeinderatssaal nach der letzten Sitzung der vierjährigen Legislaturperiode verstummt, da war er auch schon durch die Tür entschwunden. Nur wenigen seiner Kolleginnen und Kollegen hatte er zuvor noch kurz die Hand geschüttelt, ehe er die braune Aktentasche packte und in die regnerische Nacht in Uster fast schon flüchtete.

Und dabei war rund anderthalb Stunden vorher noch die Frage im Raum gestanden, ob er als knapp 24 Stunden zuvor abgewählter Stadtrat der letzten Parlamentssitzung überhaupt beiwohnen würde: Bauvorsteher Stefan Feldmann (SP). Die Frage rührte nicht zuletzt auch daher, weil er sich zuvor nur sehr knapp zum Ausgang der Wahlen geäussert hatte.

Ein Witz, bis die Fassade bricht

Er kam, zwar mit einer viertelstündigen Verspätung, aber er kam. Und als er als zuständiger Stadtrat beim Geschäft der technischen Revision der Bau- und Zonenordnung ans Rednerpult treten musste, tat er dies sogar mit einer Prise Schalk.

Auf dem falschen Fuss sei er erwischt worden, witzelte Feldmann, «und dabei meine ich jetzt nicht einmal den Wahlsonntag». Er bezog sich auf sein Referat: Da er seine Voten stets auf Mundart verfasse, müsse er nun spontan übersetzen, weil die Sitzung mit Rücksicht auf die anwesenden Einbürgerungsbewerber konsequent auf Schriftdeutsch gehalten werde.

So erklärte der SP-Politiker noch einmal, souverän, sachlich, ohne Stolperer oder Verhaspler, die Ausgangslage, legte Sicht und Dinge des Stadtrats dar, sprach von der abgeholten Meinung des Kantons, der wie so oft bei Bauvorlagen das letzte Wort hat.

Doch dann folgte dieser eine, dieser letzte Moment, in dem die Professionalität der Betroffenheit wich. Als Feldmann zu seinem letzten Referat ansetzte, rang er sichtlich um Worte, die Stimme überschlug sich beinahe: «Ich konnte mich – anders als Cla Famos – nicht auf diesen Moment vorbereiten. Ich habe nicht damit gerechnet, aber jetzt spreche ich ein letztes Mal in diesem Saal vor Ihnen.» Ein kurzes Innehalten.

Der Souverän habe entschieden, und diesen Entscheid gelte es zu akzeptieren, auch wenn er schmerze. Man sei fachlich nicht immer einer Meinung gewesen, schloss er, «doch die Zusammenarbeit auf persönlicher Ebene habe ich immer geschätzt».

Ein Bibelspruch als Mahnung

Fast identische Worte wählte kurz darauf Finanzvorsteher Cla Famos (FDP) in seiner Abschiedsrede. Doch die Wirkung war eine völlig andere: Famos wirkte gefasst, gesetzt, beinahe erleichtert. Nach zwölf Jahren in der Exekutive hatte er sich gegen eine erneute Kandidatur entschieden – er genoss das Privileg, seinen Abgang selbst wählen und planen zu können.

Entsprechend souverän schlug der FDP-Politiker und Theologe die Brücke zur Ethik und zitierte einen Bibelvers: «Prüft alles und behaltet das Gute.» Es war ein Appell an das Parlament, sich über Parteigrenzen hinweg für das Gemeinwohl Usters einzusetzen.

Ein Dossier, das auf eine Entscheidung wartet

Dieser Appell wird in der kommenden Legislatur bitter nötig sein, wenn man auf die drohenden Grabenkämpfe zwischen dem bürgerlichen und dem rot-grünen Lager blickt, die beide ohne eigene Mehrheit auskommen müssen. Wie tief diese Gräben sind, wird sich bereits am 14. Juni zeigen: Dann stimmt Uster über das Referendum zum Richtplan ab.

Es ist eine Ironie des politischen Schicksals, dass ausgerechnet Stefan Feldmanns wichtigstes Dossier erst dann zur finalen Entscheidung ansteht, wenn er selbst nicht mehr im Amt ist. Der Schmerz über die Abwahl mag vergehen, doch Feldmanns politisches Erbe steht erst noch auf dem Prüfstand.

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