Kleines Kuvert, grosses Privileg
«Meine Stimme lasse ich mir nicht nehmen.» Zu diesem Schluss kam Redaktorin Bettina Schnider, als kürzlich das Abstimmungskuvert nicht bei ihr eintraf.
Seit 14 Jahren gehöre ich zum stimmberechtigten Teil der Bevölkerung. Ich kann mich noch erinnern, wie ich im März 2012 auf meine erste Abstimmung hinfieberte. Buchpreisbindung, Zweitwohnungsinitiative und sechs Wochen Ferien, darüber konnten wir damals abstimmen.
Wählen und abstimmen zu dürfen, ist ein Privileg. Ich bin sehr froh, wohne ich in der Schweiz, wo mir dieser Prozess überaus einfach gemacht wird. Ich musste mich – anders als etwa in den USA – nie als Wählerin registrieren. Wenn ich brieflich abstimmen will, was ich fast immer tue, brauche ich keinen zusätzlichen Antrag. Die Unterlagen kommen automatisch. Demokratie ist hier keine Hürde, sondern ein Angebot.
Vielleicht war mir deshalb stets schleierhaft, wie man von diesem Recht keinen Gebrauch machen will. Politikverdruss? Nicht bei mir. Schon als Teenagerin erinnerte ich meine Eltern teilweise an kommende Abstimmungstermine, wenn ich das Kuvert noch ungeöffnet auf ihrem Schreibtisch sah.
Nicht aus Besserwisserei, sondern aus Überzeugung: Dieses Mitspracherecht ist zu wertvoll, um es liegen zu lassen.

