Sich die Hände reichen, das ist jetzt mehr denn je gefragt
Kommentar zur gescheiterten Kirchenfusion
Das Nein aus Turbenthal zur Kirchenfusion wirkt wie aus der Zeit gefallen. Dabei ist es jetzt nicht nur im Umgang mit Nachbarn angezeigt, einander entgegenzukommen, findet unser Redaktor.
Jeder, der schon einmal in Rom war, kennt es: das weltberühmte Fresko «Die Erschaffung von Adam» von Michelangelo an der Decke der Sixtinischen Kapelle. Vermutlich eines der symbolträchtigsten Gemälde in der Kunstgeschichte.
Im Zentrum reicht Gott Adam die Hand. Um symbolisches Händereichen ging es auch bei der Fusion der Kirchgemeinden Zell und Turbenthal: Die Schaffung einer grösseren Gemeinde mit zwei Pfarreien hätte der krisengebeutelten Gemeinschaft in Zell eine neue Perspektive verschafft.
Ein Ja in Turbenthal wäre aber nicht nur karitativ gewesen. Es hätte auch die Möglichkeit geboten, den seit je ungelösten Grenzkonflikt in Rämismühle und Zell beizulegen. Und den Beweis, dass Vertrauen und Hoffnung in der Kirche nicht nur geglaubt, sondern auch gelebt werden.
Viel erschreckender ist aber, wie rückwärtsgewandt das Nein zur Kirchenfusion ist. Es ist ein Entscheid, wie er vielleicht vor einigen Jahrzehnten nachvollziehbar gewesen wäre. Doch die Dinge haben sich geändert. Glaube ist nicht per se aus der Mode geraten, wird aber zunehmend privat und ohne Kirche im Rücken ausgelebt. Die kirchlichen Gemeinschaften dagegen schrumpfen. Gärtlidenken ist vor diesem Hintergrund ein Luxus, den man sich leisten können muss.
Auch die Kirche in Turbenthal wird dies eher früher als später merken. Ein freiwilliger Entscheid zu grösseren Strukturen, zumindest aufseiten der Verwaltung, hätte diese Realität anerkannt und die Kirchen finanziell besser für die Zukunft aufgestellt. Die Kirche wäre ja buchstäblich im Dorf geblieben.
Wer das Fresko von Michelangelo gut kennt, weiss: Zwischen der Hand Gottes und jener Adams gibt es eine Lücke. Klein, aber bedeutsam. Eine Kluft gibt es spätestens seit der jüngsten Abstimmung auch in der Mitte der Turbenthaler Katholiken. Nicht nur zwischen Ja- und Nein-Sagern, sondern auch zwischen jenen Gläubigen, die Schritt halten wollen mit den Veränderungen des Glaubens, und jenen, die sich ans Bewährte klammern.
Auch ohne Zusammenschluss wird es also nötig sein, dass sich Vertreter beider Lager die Hände reichen – inner- und ausserhalb der eigenen Pfarrei. Und vielleicht kann daraus etwas Neues entstehen, irgendwann.