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Mein Ex-Libris-Trauma – ein unangenehmes Geständnis

Meine Generation ist aufgewachsen mit Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder Velvet Underground. Eine Kolumne über den Erwerb von Vinylschallplatten und was das in einem Menschen auslösen kann.

Ein musikalisches Waterloo unseres Redaktors Sandro Compagno.

Foto: Eva Kamber

Mein Ex-Libris-Trauma – ein unangenehmes Geständnis

No öppis…

Meine Generation ist aufgewachsen mit Jimi Hendrix, Led Zeppelin oder The Velvet Underground. Eine Kolumne über den Erwerb von Vinylschallplatten und darüber, was das in einem Menschen auslösen kann.

Als mich die Nachricht vom Ende der Ex-Libris-Läden erreichte, war ich etwas traurig. Ex Libris war ein Teil meiner Jugend. Mein Schulweg in Chur führte vor vielen Jahren an einer Filiale vorbei.

Das hatte zur Folge, dass ich die eine oder andere Zwischenstunde im Ex Libris verbrachte und den kleinen Laden nach neuen Langspielplatten oder – aufgrund der chronisch angespannten Taschengeldsituation – vielmehr nach verbilligten Restposten durchstöberte.

Eigentlich hatte ich geglaubt, ich hätte die peinliche Erinnerung an dieses eine Erlebnis im Ex Libris nach Jahren der nagenden Qual abgehakt. Sie war im Lauf der Jahre vom Hippocampus in den Neokortex gelangt, wo sie unter anderen Erinnerungen an eine Pubertät in den trübseligen 1980er Jahren eine Sedimentschicht bildete, die ich nur zu gerne dort liess, wo sie war. Weit weg, weit unten.

Doch weit gefehlt. Ex Libris macht dicht, und die Erinnerung ist wieder da. Plötzlich, unerwartet, unerwünscht. Aus dem Sediment herausgelöst und in den präfrontalen Kortex gespült. Es geht um nichts weniger als die erste Platte, die jemand in seinem Leben erworben hat. Und damit um die Frage, ob dieser Jemand cool ist oder nicht.

Die musikalische Gretchenfrage nach dem ersten Vinyl war in jungen Jahren immer mal wieder ein Thema, als wir ganze Nächte mit billigem Rotwein und zu vielen Zigaretten verbrachten und versuchten, aus unserer Studentenwohnung heraus die Welt zu verbessern.

«‹Led Zeppelin IV›», meinte jemand von den Coolen, andere sagten: «Jimi Hendrix, ‹Are You Expirienced›» oder «‹The Velvet Underground & Nico›» oder wenigstens irgendwas von den Rolling Stones. Ich bin diesen Diskussionen ausgewichen, indem ich Gläser in die Küche trug oder die Aschenbecher leerte oder im Keller für Nachschub sorgte.

Was hätte ich auch sagen sollen? «Lass das, mein Kind», wie damals Faust zu Gretchen? Die Frage trieb mich um, und sie tut es wieder – auch wenn sie heute nur noch hypothetisch ist.

«Ich bin Journalist, ich stelle hier die Fragen!» Das wäre eine clevere Ablenkung. Ich könnte auch lügen und so was wie «The Who, ‹Quadrophenia›» sagen oder «David Bowie, ‹The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars›» oder kurz «‹Van Halen I›». Oder entscheide ich mich für die Wahrheit und mache mich zum musikalischen Vollhonk?

«Stefan Waggershausen, ‹Fang mich auf›». Erworben irgendwann um 1983 – gefunden auf dem Wühltisch für Fr. 7.50. Und ich habe mir damals im Ex Libris in Chur beide Seiten angehört, um ganz sicher zu gehen, dass sich die Investition lohnt.

In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.

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