Alt genug für Karaoke, zu jung für Regeln
No öppis …
Wann ist man eigentlich alt? Und wer entscheidet das? Eine Kolumne über rührselige Disney-Songs, eine spezielle Geburtstagsparty und die Freiheit, neue Wege zu gehen.
Neulich wurde mir wieder einmal klar, dass mein Energiehaushalt nicht mit meinem Alter korrespondiert. Ich kam von der Arbeit nach Hause, komplett überdreht, mit diesem typischen Reststrom, der weder sitzen noch schweigen kann. In meinem Kopf lief ein Achtzigerjahre-Song, und ich suchte reflexartig nach einem Techno-Remix von «I’m So Excited».
Tanzen war keine Option, es war eine Notwendigkeit. Meine Mitbewohnerin, Musiktherapeutin und Sängerin, tauchte im Wohnzimmer auf – neugierig, offen, sofort dabei. Und dann setzte sie noch einen drauf.
Sie nahm ihr Handy, stellte sich neben das Cheminée, als stünde sie auf einer Bühne, und sang aus voller Kehle «Let It Go» aus dem Trickfilm «Frozen».
Ich sass auf dem Sofa, hörte ihr zu und weinte. Nicht leise, nicht diskret. Sondern so, wie man weint, wenn einen etwas völlig Rührseliges mitten im Alltag trifft. Offenbar ist das Altwerden genau so: Man tanzt noch, ist aber näher am Wasser gebaut.
Gleichzeitig keimte die Idee, wie ich dieses Jahr meinen runden Geburtstag feiern will. Nein, ich sage nicht welchen. Oh mein Gott. Ich weiss selbst nicht genau, wie ich es bis hierhin geschafft habe. Wahrscheinlich mit einer Mischung aus Glück, Improvisation und dem konsequenten Ignorieren gut gemeinter Ratschläge.
Fest steht: Dieser Geburtstag wird so lustig wie noch nie. Karaoke, eine offene Bühne, meine Liebsten dürfen Gedichte vorlesen, Lieder auf der Gitarre spielen, Geschichten davon erzählen, wie sie mich kennengelernt haben. Kreativität ist Pflicht. Wer nichts beitragen will, darf wenigstens schief mitsingen.
Wenn das alt ist, dann bitte mehr davon. Wann ist man eigentlich alt? Wenn man «in deinem Alter» gesagt bekommt? Schlimmer noch: «In deinem Alter solltest du dies oder jenes (nicht mehr) tun.»
Oder wenn die Formulare plötzlich andere Kästchen haben? Wenn Wellnesshotels anfangen, einen mit «Seniorentarifen» zu verwirren, obwohl man sich innerlich gerade auf die Wasserrutsche freut?
Kürzlich war ich mit meiner Mutter wellnessen. Und dort ist mir etwas Entscheidendes klar geworden: Diese kindliche Freude, dieses nicht immer ganz korrekte Einhalten von Regeln, das habe ich von ihr.
Danke, Mami. Während andere die Saunaordnung studierten, dachten wir eher darüber nach, ob man diese eine Abkürzung durch den Spa-Bereich nehmen könnte. Spoiler: Man durfte nicht. Wir mussten es trotzdem prüfen.
Vielleicht ist genau das der Punkt. Alt sein ist weniger eine Frage der Jahre als der Wege. Geht man nur noch die abgetrampelten? Oder schaut man ab und zu, was abseits davon liegt, auch auf die Gefahr hin, dass man sich die Schuhe schmutzig macht?
Alt – oder zumindest mittelalt – bin ich vielleicht auf dem Papier. Jung bin ich überall dort, wo ich noch staune, spiele, singe, tanze. Und mich von einem Disney-Lied berühren lasse.
Wenn also jemand fragt, ab wann man alt ist, würde ich sagen: Dann, wenn man nichts mehr an sich heranlässt. Jung ist man so lange, wie das Leben einen noch erreicht. Auch – oder gerade – mit 50.
In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.
