Die billigste Kilowattstunde ist die, die wir nicht verbrauchen
Tribüne
Energiesuffizienz sei ein Stiefkind der Politik. Das müsse sich unbedingt ändern, findet «Tribüne»-Autorin Marionna Schlatter.
Zur Autorin: Marionna Schlatter ist GP-Nationalrätin und wohnt in Hinwil
In der energiepolitischen Debatte dreht sich vieles um Technik: neue Kraftwerke, grössere Speicher, effizientere Geräte. Das ist wichtig, doch es greift zu kurz. Entscheidend ist auch, wie viel Energie wir überhaupt verbrauchen. Neben dem Ausbau und der Steigerung der technischen Effizienz gehört deshalb ein dritter Aspekt in den Mittelpunkt: Suffizienz, also der bewusste geringere Verbrauch von Energie und Ressourcen.
Suffizienz ist überall dort wirksam, wo wir nicht nur «effizienter» verbrauchen wollen, sondern grundsätzlich weniger Energie benötigen. Ein konkretes Beispiel ist der Gebäudebereich. Hier steckt enormes Potenzial: Gebäude sanieren und erneuerbar heizen spart Energie. Dank Vorschriften und Programmen von Kantonen und Bund ist es gelungen, die CO2-Emissionen von Gebäuden um 46 Prozent zu senken – trotz Bevölkerungswachstum.
Obwohl kostengünstig und logisch, bleibt Suffizienz in der Politik ein Stiefkind. Milliarden fliessen in den Ausbau der erneuerbaren Energien und in Effizienzprogramme, aber Suffizienzmassnahmen haben es schwer. Das ist problematisch, denn rein technische Effizienz wird es nicht richten. LEDs sparen Strom, doch gleichzeitig wird immer grosszügiger beleuchtet. Waschmaschinen benötigen weniger Wasser und Strom, gleichzeitig wird häufiger gewaschen. Autos benötigen weniger Treibstoff, doch das Fahrzeuggewicht wächst. Technische Effizienz kann die Verschwendung zwar dämpfen, Suffizienz aber stellt die Frage nach dem «Wie viel ist genug, wie viel ist zu viel?».
Der «sparsame und rationelle Energieverbrauch» ist eigentlich in der Bundesverfassung verankert. Jede Kilowattstunde, die wir nicht verbrauchen, müssen wir weder teuer importieren noch mit zusätzlichen Kraftwerken produzieren. Suffizienz stärkt die Versorgungssicherheit, macht die Schweiz unabhängiger von Rohstoffen, spart in Zeiten geopolitischer Unsicherheiten Milliarden und verringert das Risiko. Suffizienzpolitik gehört definitiv ins (LED-)Scheinwerferlicht.
