Was unser Konsum über unsere Werte verrät
Von: Gioia Porlezza
Wir leben in einer Zeit, in der sich eine Gesellschaft kaum mehr traut, stolz auf die eigene Herkunft, die eigene Nation zu sein. Nationalstolz ist ein Unding, da es als politisches Extrem in unseren Köpfen verankert wurde.
Aber doch, ohne eine politische Einordnung dürfen wir auf unsere Werte, unsere Innovationen, unsere Wirtschaft stolz sein. Ein gesundes Selbstbewusstsein für das, was wir hier leisten, scheint fast aus der Mode gekommen zu sein.
Dabei wäre gerade jetzt der Moment, es wiederzuentdecken – nicht auf dem Fussballfeld oder an Nationalfeiertagen, sondern im Alltag. Beim Einkaufen, beim Autokauf, beim Blick auf das Preisschild.
Denn während wir uns gerne über Globalisierung, Nachhaltigkeit und Klimaschutz unterhalten, kaufen wir gleichzeitig etwa chinesische Autos – staatlich subventioniert, billig produziert, mit fragwürdigen Standards und ohne Rücksicht auf europäische Arbeitsplätze.
Wir sprechen über CO₂-Reduktion und Kreislaufwirtschaft – und importieren Produkte, deren Transportwege einmal um den halben Globus führen. Und weshalb?
Natürlich: Der Preis ist verlockend. Der neue Stromer aus China kostet schnell mal 10'000 Franken weniger als ein Modell aus Deutschland oder Schweden. Aber was kostet es uns wirklich?
Wenn wir unser Geld ausserhalb unseres Kontinents ausgeben, schwächen wir die Wirtschaft, die unsere Löhne, unsere Schulen, unsere Infrastruktur trägt. Wir schwächen die Betriebe, die hier Steuern zahlen, Lehrstellen schaffen, Verantwortung übernehmen.
Jeder Franken, der in Asien statt in Europa ausgegeben wird, ist ein Franken, der unserem Wirtschaftsstandort fehlt. Abertausende Pakete von Temu fluten unsere Briefkästen – weil günstiger und schneller. Und warum? Weil wir es einfach billig wollen.
Solche Preise bedeuten, dass irgendwo Kosten eingespart wurden – bei Qualität, Sicherheit, Nachhaltigkeit oder Arbeitsbedingungen. Sind wir wirklich so weit, dass Geld unsere Werte bestimmt?
Verwurzelung beginnt dort, wo wir unser Geld ausgeben. Beim Optiker im Dorf, beim Bäcker um die Ecke, beim lokalen Handwerker, der nicht einfach verschwindet, wenn die Zeiten schwierig werden. Doch das, was aktuell am augenfälligsten ist, ist der Strassenverkehr.
Es geht nicht darum, sich gegen Neues oder Fortschritt zu stellen – sondern darum, bewusst zu wählen, was und wen wir unterstützen.
Europa hat fantastische Ingenieure, kreative Unternehmerinnen, innovative Start-ups. Wir haben Qualität, Tradition und Know-how. Aber wenn wir das nicht mehr wertschätzen, ja wer dann?
Vielleicht sollten wir wieder lernen, selbstbewusst zu sein – leise, aber konsequent. Nicht mit Parolen, sondern mit Kaufentscheiden, die zeigen: Wir glauben an unsere eigene Wirtschaft.
Denn am Ende entscheidet nicht die Politik, wohin unser Kontinent steuert, sondern wir – mit jeder Zahlung, jedem Klick, jedem Einkauf. Oder wer will in 20 Jahren zu 100 Prozent abhängig sein von China in allen Lebensbereichen? Also ich nicht.
Gioia Porlezza ist in Schlatt aufgewachsen. Bis 2022 war sie Co-Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Zürich. Sie politisierte bis im April für die FDP im Winterthurer Stadtparlament.
