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Aussenseiter mittendrin: Wir sind längst europäischer, als wir denken

Ein bisschen anti-EU zu sein, gehört quasi zur Schweizer Leitkultur. Dabei scheuen wir keine Kosten und Mühen, um dazuzugehören.

Die Europäische Union ein bisschen doof zu finden, gehört schon fast zur nationalen DNA der Schweiz – und doch können wir nicht ohne sie.

Foto: François Genon/Unsplash

Aussenseiter mittendrin: Wir sind längst europäischer, als wir denken

Wenn Sie in den Spiegel schauen – sehen Sie dann einen Europäer? Einen Schweizer? Oder gar einen Eidgenossen? Ohne Ihre genaue Antwort zu kennen, glaube ich zu wissen, wozu sie tendieren.

Ein bisschen anti-EU zu sein, gehört quasi zur Schweizer Leitkultur. Mal sind es Ängste um den Verlust der Souveränität oder der Wettbewerbsfähigkeit unserer Landwirte. Mal ist es die Furcht vor nicht enden wollenden Zuwanderungsströmen, Zahlungen an ärmere EU-Länder oder dem Bürokratiemonster Brüssel, das unseren Wohlstand auffrisst.

Das Problem: An fast allen Gegenargumenten ist etwas dran. Und doch machen wir es uns zu einfach, die Bilateralen III als «Unterwerfungsverträge» und die EU als Übermacht abzutun, die die kleine Schweiz einfach gern ärgert. Überhaupt lenkt diese Diskussion vom eigentlichen Kern ab.

Seit meinem Besuch in Brüssel vergangene Woche leuchtet mir ein: Ob wir Teil von Europa sein wollen, steht gar nicht zur Debatte. Wir sind es längst.

2024 gingen etwa 60 Prozent der Warenexporte in EU-Länder. Und laut Schätzungen der Universitäten Bern und Zürich sind bereits heute bis zu 50 Prozent des Schweizer Bundesrechts von europäischen Gesetzen beeinflusst. Man denke etwa an Fluggastrechte oder die Datenschutzgrundverordnung: Ohne das EU-Pendant würden wir vermutlich immer noch darüber diskutieren, wie wir dem in unseren Gesetzen begegnen.

Statt über das «ob» sollten wir also vielmehr über das «wie» diskutieren. Erst bei einem Besuch in der EU-Hauptstadt wird nämlich deutlich, wie viel Aufwand die Schweiz betreibt, um von EU-Regelungen zu profitieren und den Anschluss nicht zu verlieren. So gibt es etwa eine Institution, die sich nonstop mit dem Anschluss der Schweiz an europäische Forschungsprogramme wie «Horizon» beschäftigt.

Unsere Präsenz in Brüssel und der enorme Aufwand handeln uns zuweilen das Image ein, den Föifer und das Weggli zu wollen – Privilegien ja, aber bitte ohne die vermeintliche Knechtschaft, die mit einem Beitritt einhergeht. Dabei wäre ein Bündeln der Kräfte gegen die erstarkenden Autokraten ein enorm starkes Zeichen.

Wir Schweizer, die zu gerne mit obigem Sprichwort um uns werfen, weil wir genau wissen, dass man nie alles haben kann, sollten uns eingestehen: Unsere Hemmungen vor der EU sind zumindest teilweise unberechtigt. Klar gibt es Probleme, die es vor einem Beitritt zu lösen gäbe, und auch dann noch berechtigte Gründe, nicht beizutreten.

Doch: Das Festhalten an einem verklärten Bild einer souveränen, autarken Schweiz, die allein bestehen kann, wenn es hart auf hart kommt, gehört nicht dazu. Denn der Idee eines friedlich vereinten Europas können weder der funkelndste Fünfräppler noch das weichste Weggli etwas entgegensetzen.

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