Darf ich wütend sein?
Von Eveline Rüegg, einer diplomierten Trauer- und Sterbebegleiterin.
Häufig wird in der Trauer die Wut, die darin enthalten sein kann, unterschätzt. Was wir uns im Alltag oft und vielleicht sogar gerne mal erlauben, ist in der Trauer ein schwieriger Anteil. Wütend sein. Sauer sein. Hässig über das Leben, das so fies zuschlagen kann. Das Hadern mit Gott – oder an wen wir auch immer glauben mögen.
Vielleicht auch wütend auf den Menschen, der plötzlich einfach weg ist, ohne noch etwas zu sagen. Sauer auf sich selbst, weil man vieles nicht getan oder gesagt hat und jetzt unwiderruflich damit konfrontiert ist, dass man es nicht mehr ändern kann.
«Über Tote lästert man nicht.» Das höre ich oft. Wut will man in der Trauer nicht, sie wirkt auf den ersten Blick unangebracht. Dabei entsteht die Wut auf die Wut. Wir lästern nicht, wenn wir wütend sind. Es geht darum, dass wir unsere – vermeintlich negativen – Gefühle ernst nehmen und sie uns erlauben. Gezielt und dosiert.
Sie werden grösser, wenn wir sie unterdrücken. Und wenn wir uns von aussen zu betrachten versuchen, können wir sogar Verständnis für uns selbst entwickeln und endlich Dampf ablassen.

