Und was meinen Sie dazu?
Partizipatives Verfahren: Was sehr abstrakt tönt, ist der Kern unserer Demokratie. Und deshalb im Interesse aller. Das findet «Tribüne»-Autorin Monika Keller.
Autorin: Monika Keller, Gemeindepräsidentin von Greifensee und FDP-Kantonsrätin
Kürzlich hat das Thema der Neugestaltung der Burstwiesenstrasse in Greifensee grössere Wellen geworfen. Die Strasse muss saniert werden, da sowohl der Belag als auch die darunterliegenden Leitungen in die Jahre gekommen sind. Gleichzeitig gilt neu Tempo 30, was zusätzliche Anpassungen erforderlich macht.
Da an die Quartierstrasse, die rund ein Drittel der Bevölkerung von Greifensee benutzt, viele verschiedene Anforderungen gestellt werden – sie ist auch Schulweg, Zubringer zum Sportplatz und Wanderweg –, hat der Gemeinderat beschlossen, bei der Bevölkerung in mehreren Mitwirkungsveranstaltungen abzuholen, was die grössten Sorgenpunkte sind beziehungsweise welche Massnahmen gut akzeptiert werden und welche nicht gewünscht sind.
Partizipatives Verfahren nennt man so was. Früher wurden solche Prozesse nicht so aufwendig geführt, sondern es wurde ein Projekt erarbeitet und dem Souverän vorgelegt. Dann gab es ein Ja oder ein Nein. Heute sind aber die Ansprüche der Bevölkerung an die Mitsprache gestiegen. Alle wissen, «wie man es machen müsste», und wollen gehört werden. Vielleicht schwappt das auch etwas von den virtuellen Plattformen über, bei denen alle zu allem einen Kommentar abgeben können. Warum also nicht auch bei der Gemeinde?
Man könnte also meinen, die Mitwirkung ist unumstritten. Allerdings gibt es auch Leute, die ein partizipatives Vorgehen als Führungsschwäche taxieren. Ihr Führungsverständnis geht davon aus, dass der Gemeinderat wissen muss, was für die Bevölkerung das Beste ist. Nun ist es schon so, dass Partizipation übertrieben wäre bei Dingen, die keine grosse Tragweite haben oder wo es nur wenig Spielraum gibt.
Und zugegeben, für die Exekutive wäre es auch bequemer, einfach machen zu können. Aber die Gestaltung einer Strasse ist komplexer, als viele meinen, und zudem legt man damit die Weichen für Jahrzehnte: Die Strasse prägt langfristig Sicherheit, Aufenthaltsqualität und das soziale Miteinander.
Durch die Mitwirkung aller Betroffenen entsteht nicht nur eine breit abgestützte Lösung, sondern auch ein Verständnis für die gemeinsame Verantwortung. Solche Prozesse haben die Chance, den Leuten ins Bewusstsein zu bringen, wie viel Mitbestimmung unsere Demokratie doch erlaubt, und können sie vielleicht sogar motivieren, wieder einmal eine Gemeindeversammlung zu besuchen. Denn Mitbestimmung ist die Essenz unserer Demokratie. Und wenn man in andere Länder schaut, scheint mir, dass es davon nicht zu viel geben kann.

