Verantwortung im Flugmodus
In der Schule mit digitalen Geräten arbeiten: Dieser Ansatz funktioniert nur mit Kontrolle. Sonst kommt es so heraus wie bei «Tribüne»-Autor Thomas Honegger und wahrscheinlich vielen anderen Eltern.
Autor: Thomas Honegger (GP), ist 1. Vizepräsident des Gemeinderats Greifensee
Die Schule meiner Kinder hält sich für innovativ – und gibt meinen Kindern ein I-Pad. Täglich, unlimitiert, ohne Kontrolle. Jeden Abend landet es bei uns zu Hause mit dem Auftrag, es aufzuladen. Aufgeladen wird seither vor allem der Youtube-Algorithmus.
Regelmässig sind die Kinder vor den Eltern zu Hause – mit WLAN, freiem Zugang zum Gerät und ohne jegliche Aufsicht. Die Schule? Vertraut auf Selbstverantwortung. Bei Teenagern. Mit Internet. Und hat in all den Jahren nie überprüft, wie lange die Kinder am schulischen I-Pad hängen, dabei liesse sich die Bildschirmzeit ganz einfach auslesen.
Natürlich haben wir Regeln. Theoretisch. In der Praxis gleichen sie UNO-Resolutionen – gut gemeint, aber ohne jede Durchsetzungskraft. «Nur eine Stunde am Tag!», sagen wir. «Ich muss noch Voci üben!», sagen die Kinder – und zack sind sie auf Youtube. Früher war der Gameboy irgendwann leer. Heute hängt die Batterie an der Ladestation und das Kind gleich mit.
Die Geräte sind schulisch verwaltet. Keine Games installiert, heisst es. Stimmt. Nur: Onlinegames und Youtube laufen im Browser. Wer ein Kind mit I-Pad sieht, meint vielleicht, es lese «Faust» – in Wahrheit schaut es zu, wie jemand in einem digitalen Würfelhaus ein Schaf einfärbt. Lerninhalt? Fehlanzeige. Als Eltern bleibt uns oft nur die Rolle des Spielverderbers – die, die das Gerät wegnehmen, Diskussionen starten, Grenzen setzen. Wer das I-Pad als Schulmaterial ausgibt, aber keine Begleitung mitliefert, lässt Familien allein.
Ich würde ja gern eingreifen. Aber das I-Pad ist schulisch «verwaltet». Parental Control? Fehlanzeige. Das Gerät gehört der Schule, doch die Verantwortung liegt bei uns. Es ist, als hätte man ein Fahrrad ausgeliehen mit dem Hinweis, es bitte nach Hause zu schieben. Und der pädagogische Nutzen? Begrenzter als die Akkulaufzeit. Ab und zu ein Arbeitsblatt. Ein Klassenchat. Dinge, die auch übers I-Phone gingen, das wir immerhin kontrollieren könnten.
Ich bin nicht gegen Technik. Ich bin gegen eine Praxis, die Geräte verteilt, aber die Bildschirmzeit nicht kontrolliert und die Verantwortung an die Familien weiterreicht.
Was früher als innovativer Schritt galt, wirkt heute schon wieder überholt. En vogue wäre inzwischen eine Schule, die den Umgang mit digitalen Geräten diszipliniert begleitet, statt ihn den Nutzenden selbst zu überlassen.
Oder noch besser: Die Kinder lernen wieder draussen. Mit echten Farben, echten Menschen und echten Bäumen. Denn die Lehre findet im echten Leben statt.
