Warum wir eine starke SRG brauchen
Bei einer Recherche im Schweizer Sozialarchiv ist mir vor Kurzem eine «Schweizer Illustrierte» aus dem Jahr 1969 in die Hände gefallen. Was mich überrascht hat: Das Magazin hatte mindestens die doppelte Grösse von heute, widmete sich politischen Themen und war voll mit grossen, vierfarbigen Anzeigen. Klar: eine Perle im Portfolio des Ringier-Verlags.
Ganz ähnliche Erfahrungen machte ich mit der Suche nach einem Artikel im «Tages-Anzeiger» von 1975. Ich musste dazu das Mikrofilmarchiv der Zentralbibliothek konsultieren. Der «Tagi» war in jener Zeit eine riesige Inseratenplantage, die Artikel erschienen mir zufällig in die Werbung eingebettet, und die Suche war mühsam.
Das waren andere Zeiten, und der Druck von Zeitungen und Heftli war ein überaus lohnendes Geschäft für die Verlage, entsprechend gut war dieser Markt auch für freie Journalisten: Es war leicht, auch ganz grossen Zeitungen Artikel zu verkaufen. Heute erhalte ich auf Angebote oft nicht mal mehr eine Absage.
Viele Zeitungen und Zeitschriften sind seither verschwunden. Dabei hat dieser Konzentrationsprozess schon lange vor dem Internet angefangen. Der Begriff Zeitungssterben ist leider schon alt. Aber ab dem Ende der 1990er Jahre ging es rasant. Der Umstieg aufs Internet gelang den Schweizer Zeitungen nur bedingt, denn kaum einer war bereit, für die Inhalte zu bezahlen.
Und die Werbung wanderte ab: zum Beispiel auf Plattformen für Immobilien und Autos – pikanterweise nicht selten von den gleichen Verlagen, die vorher im Zeitungsgeschäft waren. Das Geld floss aber nicht mehr in die Zeitung, sondern in die Taschen der Verleger.
Schon in den 1980er Jahren war die Meinung verbreitet, dass die Medien uns manipulierten. Die meisten Journalisten, so die landläufige Meinung, seien links. Sie würden einem Plan folgen und wollten Zeitungen und Radio unterwandern, um damit einen Umsturz in der Schweiz herbeizuführen. Ich selbst bin diesen Revolutionären nie begegnet. Vielleicht haben sie sich einfach gut versteckt. Spass beiseite, es gab immer ein Misstrauen gegenüber den Medien.
2004 dann ein weiterer Paukenschlag: die Geburt von Facebook und unzähligen anderen Plattformen, sehr schnell entstand der Begriff soziale Medien, das immer populärer werdende Handy mit mobilem Internet verstärkte diesen Trend. Weil Facebook ein genaues Profil von jedem Nutzer hatte, konnte die Werbung sehr schnell zielgenau adressiert werden.
Facebook ist heute ein Milliardengeschäft und absorbiert einen nicht unwesentlichen Teil des Schweizer Werbekuchens. Das ist aber nur ein Teil der Dynamik, die mit den sozialen Medien kam: Dank Facebook konnte jede und jeder ihre beziehungsweise seine Botschaften in die Welt schicken. Eigentlich eine gute Sache, dachte auch ich: Demokratisierung der Medien.
Schon bald zeigten sich aber die Schattenseiten: Ein Teil der Informationen ist schlicht falsch. Und solche «Fake News» sind erst noch erfolgreich! Wer setzt solche Meldungen in die Welt? Geldgier, Bosheit, Dummheit – vielleicht. Aber politische Interessen sind das andere: Russland unterhält riesige Fabriken mit Hunderten von bezahlten Mitarbeitern, die nichts anderes machen, als bestimmte Inhalte zu verbreiten.
Nun passierte etwas Merkwürdiges: Die Kritik an den Medien verband sich mit dem Interesse an Falschinformationen. Seit Jahren erhalte ich Nachrichten, die meist so aufgebaut sind: «Die Wahrheit über …» oder «Was die Medien uns jahrelang verschwiegen haben …», gefolgt vom grössten Blödsinn, den man sich vorstellen kann.
Viele Leute, leider oft gerade junge, lesen heute keine Zeitungen mehr – oder besuchen keine seriösen Newsportale. Stattdessen hören sie nur auf die Stimmen von sozialen Medien. Ich sehe darin eine Gefahr: Realität wird austauschbar, zu jeder Information gibt es eine Gegenstimme, und am Schluss ist es Meinungssache, was man für wahr hält.
Gerade deshalb bräuchte es eigentlich starke Medien: im Print, online und auch im Bereich Broadcast, also in Radio und Fernsehen. Und gerade hier spielt für mich die SRG eine zentrale Rolle. Sie liefert Informationen, die vertrauenswürdig sind.
Mit Stimmen und Gesichtern, die wir kennen – sei es aus dem Inland oder aus dem Ausland. Und sie geniessen auch das Vertrauen der offiziellen Schweiz, haben Zugang zu Politik und Verwaltung, egal, ob im Bundeshaus oder im Kantonsrat. Egal, ob die Nachrichten aus dem Lötschental, aus Israel oder aus den USA kommen, ich kann ihnen vertrauen.
Das heisst übrigens nicht, dass sie immer fehlerfrei sind. Aber Fehler kann man korrigieren, auch im Fernsehen und im Radio. Die SRG produziert Unterhaltung mit Schweizer Bezug, nicht selten auch aus den unterschiedlichen Landesregionen. Und ja – sie hat auch den ESC organisiert, der gerade in Basel über die Bühne gegangen ist.
Die SRG unterhält eine eigene Ombudsstelle. Durch die Trägerschaft gibt es auch die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen oder mit den Medienschaffenden zu reden. Finanziert wird die SRG mit der sogenannten Konzessionsabgabe. Sie beträgt heute 335 Franken pro Haushalt.
Der Bundesrat will diese Abgabe auf 300 Franken senken, um damit der sogenannten Halbierungsinitiative den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ein Teil dieses Gelds geht übrigens auch an private Radio- und TV-Stationen, viele würde es ohne diese Mittel gar nicht geben!
Ich glaube, eine starke SRG ist eine wichtige Errungenschaft im Kampf gegen Dummheit und Falschinformation. Wir brauchen heute Kräfte, die die Schweiz zusammenhalten und nicht spalten. Dazu leistet die SRG einen wichtigen Beitrag.
Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschaftler und lebt in Winterthur-Seen. Er schreibt regelmässig über geschichtliche Entwicklungen und interessiert sich für Technologie und Medien.
