Ich bin nicht dumm, ich denke einfach zu viel
Tösswegs
«Dörf ich dich umarme?», fragte mich ein wildfremdes Kind letztens im Feierabendzug. Ich schätzte es auf etwa vier Jahre, denn es sah noch etwas zu klein für die Schule aus. Doch die reichlich verschmierte Schokolade um den Mund so kurz vor dem Znacht war für mich der Beweis, dass dieses Kind weiss, wie man mit Argumenten umgeht – ein unbeholfenes Kleinkind war es also auch nicht mehr.
Mir gingen 1000 Gedanken durch den Kopf. Der erste war jedoch ein ganz klares «Nein». Es ging nicht nur um die Schoggi-Schmiere, sondern auch um den trockenen Böögg rund um die Nase und die braunen Hände, die wirklich, wirklich nicht nach Schokolade aussahen.
Trotzdem war ich etwas gerührt vom kleinen Kerl, der seinen Mut zusammengenommen hat, um eine Fremde anzusprechen. Was ist denn schon etwas Kinderschmutz im Vergleich zum Jöö-Effekt? Doch schon purzelte der nächste Gedanke in mein Hirn: Darf man überhaupt irgendwelche Kinder umarmen? Oder müsste ich nicht eher einen Elternteil über die Kontaktfreudigkeit seines Kindes informieren?
Im Nebenabteil sass ein Mann, hypnotisiert von seinem Handybildschirm. Er hatte einen Rucksack dabei – vielleicht die väterliche Alternative einer Wickeltasche. Eine besondere Ähnlichkeit fiel mir nicht auf, aber schmutzige Kinder sehen irgendwie alle gleich aus: schmutzig.
Ich wollte ihn darauf ansprechen, doch was sollte ich schon sagen: «Ähm, Entschuldigung, aber isch das ires Chind?» Das klang so spiessig, fast schon passiv-aggressiv. Und was, wenn es gar nicht seins war? Vor meinem inneren Auge sah ich schon die Schlagzeile: «Kind von Mann entführt – schuld ist eine einfältige Passagierin». Nein, ich würde dem Mann nicht die Chance geben.
Aber wenn das nicht der Vater war, wo waren dann die richtigen Eltern? Der Zug war nicht rappelvoll, leer auch nicht, aber irgendwie schien sich niemand für das Kind zu interessieren. Alle klebten an ihren Handys. Ich musste etwas tun, also überlegte ich mir eine Strategie.
Erst würde ich ihn fragen, ob er ein Schokoladeneis gegessen hat, der Kleine würde sicher darauf reagieren, irgendwie, und ich könnte dann nach seinen Eltern fragen. Problem gelöst.
Während ich mir meine Gedanken machte, einen Plan ausheckte, sah der Bub im Zug bloss eine verdatterte Frau mit offenem Mund, die kein Wort sagte. Also brach er die Stille: «Papi, die Frau isch bitzeli dumm.» Der hypnotisierte Rucksackträger vom Nebenabteil pfiff seinen Sohn zurück und widmete sich wieder dem Handy.
Selbst schuld, ich hätte einfach Nein sagen sollen.
