Ich bin nicht dumm, ich denke einfach zu viel
Tösswegs
«Dörf ich dich umarme?», fragte mich ein wildfremdes Kind letztens im Feierabendzug. Ich schätzte es auf etwa vier Jahre, denn es sah noch etwas zu klein für die Schule aus. Doch die reichlich verschmierte Schokolade um den Mund so kurz vor dem Znacht war für mich der Beweis, dass dieses Kind weiss, wie man mit Argumenten umgeht – ein unbeholfenes Kleinkind war es also auch nicht mehr.
Mir gingen 1000 Gedanken durch den Kopf. Der erste war jedoch ein ganz klares «Nein». Es ging nicht nur um die Schoggi-Schmiere, sondern auch um den trockenen Böögg rund um die Nase und die braunen Hände, die wirklich, wirklich nicht nach Schokolade aussahen.
Trotzdem war ich etwas gerührt vom kleinen Kerl, der seinen Mut zusammengenommen hat, um eine Fremde anzusprechen. Was ist denn schon etwas Kinderschmutz im Vergleich zum Jöö-Effekt? Doch schon purzelte der nächste Gedanke in mein Hirn: Darf man überhaupt irgendwelche Kinder umarmen? Oder müsste ich nicht eher einen Elternteil über die Kontaktfreudigkeit seines Kindes informieren?
Im Nebenabteil sass ein Mann, hypnotisiert von seinem Handybildschirm. Er hatte einen Rucksack dabei – vielleicht die väterliche Alternative einer Wickeltasche. Eine besondere Ähnlichkeit fiel mir nicht auf, aber schmutzige Kinder sehen irgendwie alle gleich aus: schmutzig.

