Wie nachhaltig ist unsere Energiestrategie wirklich?
«Tribüne»
Dass die Schweiz eine funktionierende Energiestrategie hat, ist essenziell. Doch wie soll diese aussehen, fragt sich «Tribüne»-Autor Paul von Euw.
Bei der Frage nach der Nachhaltigkeit unserer Energiestrategie scheiden sich die Geister. Die Ökologen werfen den Ökonomen vor, sie hätten kein Nachsehen mit der Natur, und die Ökonomen bezichtigen die Ökologen, die Schweiz herunterzuwirtschaften. Nun, wer hat wohl recht?
Dass die Energie das Blut in den Adern einer Gesellschaft darstellt, bezweifelt wohl niemand. Man ist sich höchstens uneinig, wie viele «Organe» in der Gesellschaft versorgt werden sollen oder eben wie viel Energie es braucht. Sicher ist, wir brauchen die Energie. Und wir brauchen diese während 24 Stunden an 365 Tagen. Aufgrund dieses Bedürfnisses wurde in den vergangenen 140 Jahren unsere Stromversorgung aufgebaut. Eine wahrhaftig gute Strategie unserer Vordenker.
Seit dem Unfall in Fukushima ist ein Pfeiler der Energieproduktionsart sehr verpönt: die Kernenergie. Kernenergie liefert uns Bandenergie. Diese dient, ergänzt mit Flusskraftwerken, der Grunddeckung unseres Elektrizitätsbedarfs. Sie wird aus Uran, einem Gestein, gewonnen, welches fast überall auf der Welt vorkommt. Eine sehr nachhaltige, CO2-freie Energiequelle, welche jedoch am Ende ihres Einsatzes fachkundig entsorgt werden muss und bei einem Unfall sehr gefährlich werden kann. Grössere Unfälle gab es bisher weltweit zwei. Grund dafür waren Planungs- beziehungsweise Unterhaltsfehler. Und auch die Entsorgung ist ohne die Kernkraft nicht gelöst.
Durch Forschung, Medizin und Industrie fallen weiterhin speziell zu behandelnde radioaktive Abfallmaterialien an. Nichtsdestotrotz, das Schweizer Stimmvolk hat sich für ein Verbot von neuen Kernkraftwerken ausgesprochen. Das bedeutet, unsere Gesellschaft muss zukünftig einen beachtlichen Teil der energetischen Grunddeckung anderweitig organisieren.
Die Strategie ist, die zukünftig fehlende Energie mittels Erhöhung der Wasserenergie sowie eines massiven Ausbaus von Windkraft- und Photovoltaikanlagen zu decken. Auf den ersten Blick eine attraktive Lösung. Bei genauerem Hinschauen, und das hat jetzt auch die Landesregierung mit ihren Spezialisten gemacht, merkt man, es ist zurzeit unmöglich, diese Strategie erfolgreich umzusetzen.
Die heutigen Speichertechnologien für Elektrizität sind noch zu wenig ausgereift, und die Anzahl an Stromproduktionsanlagen kann unmöglich innert nützlicher Frist gebaut werden. Die Lösung sieht der Bundesrat nun im Bau von Gaskraftwerken. Dies nicht nur, um die fehlende Kernenergie zu ersetzen, nein, sondern auch, um den Strombedarf der elektrisch betriebenen Verkehrsmittel sowie für Wärmepumpen zu decken.
Eingangs habe ich die Strategie unserer Vorfahren gelobt. Diese war ziemlich CO2-arm und sehr zuverlässig. Doch wie beurteilen wir die heutige, vermeintlich nachhaltige Strategie? Der Bundesrat will Gaskraftwerke, die Versorgungssicherheit durch elektrische Energie ist mittelfristig unsicher gewährleistet, und der Strom wird massiv teurer beziehungsweise wurde bereits teurer. Eine Strategie, die so kaum jemand wollte!
