Der Gemeinderat gegen die Zeit
Aufgeschnappt in Zell
Die Exekutive der Gemeinde Zell publiziert neuerdings, wie viel Zeit ihre Mitglieder in Sitzungen verbringen. Wir finden: Davon könnte sich so manche Gemeinde eine Scheibe abschneiden.
Haben Sie sich schon gefragt, was die von Ihnen gewählten Behördenvertreter die ganze Zeit machen? Wir auch nicht. Der Gemeinderat Zell sah sich dennoch veranlasst, Rechenschaft abzulegen, wie viele Stunden im letzten Jahr allein für Sitzungen draufgingen.
Endlich ein Jahresrückblick, der Herrn und Frau Schweizer wirklich interessiert! Oder aber das Pendant zum Spotify-Rückblick, einfach für FDP-Wähler und alle anderen Anhänger eines schlanken Staats.
Knapp 39 Stunden oder rund anderthalb Tage verbrachten die Mitglieder in Sitzungen, vier Stunden weniger als im Jahr zuvor. Das liegt aber nicht etwa an fehlender Motivation, haben sie doch sogar ein Geschäft mehr abgehandelt als 2023.
Man fühlt sich geneigt, von einem Effizienzgewinn zu sprechen. Ein radikaler Kurswechsel, wenn man bedenkt, dass die KI-Stimme in der gemeindeeigenen Hymne kürzlich noch beteuerte, die Zeller Wappenschnecke zeige «ganz fabelhaft, i de Rueh liit eusi Chraft».
Bei den Gemeindeversammlungen kann ebenso wenig von Schneckentempo die Rede sein: Total spulten Exekutivvertreter und Stimmbürger zehn Geschäfte in viereinhalb Stunden ab. Die Anzahl Gähner pro Versammlung ist leider unbekannt.
Wenn Sie also das nächste Mal an einem Montagabend mit dem inneren Schweinehund ringen, denken Sie dran: Zwei Ausgaben der «Beatrice Egli Show» zugunsten der direkten Demokratie schleifen lassen, und Sie haben den Zeitverlust wieder aufgeholt.
Mit Ihnen im Boot (und vielleicht können Sie ja auch Ihre Nachbarn überzeugen) steigt die Zahl der Bürger, die an den Versammlungen zumindest physisch präsent sind, noch weiter. 2024 waren es mit 133 Bürgern schon 82 Prozent mehr als im Vorjahr!
2024 schien der Gemeinderat zudem wesentlich taktischer unterwegs gewesen zu sein als zuvor. Er hatte zwei «Strategiesitzungen» (Vorjahr: 0) und drei «Kontaktgespräche» (Vorjahr: 1) mit anderen Behörden oder dem Gewerbe.
Fragt sich bloss, wo sich die Zeller Elite zu Lobbygesprächen trifft. Ist das lokale Pendant zum Café Fédéral etwa das «Isebähnli»?
Aber mal ohne Spass: Der Gemeinde muss man für diesen Einblick ein Kränzchen winden. Das ist gelebte Transparenz – und könnte Schule machen, man denke nur an Parlamentsgemeinden mit besonderem Redebedarf.
Wir freuen uns bereits auf die nächste Ausgabe des Jahresrückblicks der Behörde. Wie wäre es dann zum Beispiel mit dem Absenzenkönig des Jahres, also quasi dem Zeller Gegenstück zu alt SVP-Nationalrat Roger Köppel? Oder einem Best-of mühsamer Behördenanfragen? Potenzial ist durchaus vorhanden.
