Was hat ein Café crème mit Erholung im Wald zu tun?
Tribüne
Der Wald ist ein für jedermann zugängliches, gepflegtes Erholungsgebiet. Da dürfte man sich ruhig mal überlegen, wie man dieses Angebot honorieren könnte, findet «Tribüne»-Autor Andreas Sudler.
Haben Sie es vor dem Jahresende auch gelesen? Der Zürcher Regierungsrat rechnet damit, dass bis 2050 nochmals 400'000 Menschen mehr im Kanton Zürich leben werden. Zwei Millionen Zürcherinnen und Zürcher werden es gemäss Prognose 2050 sein. Das sind nochmals so viele Menschen zusätzlich, wie heute in der Stadt Zürich wohnen. Da es in den Städten keinen Platz mehr hat, sollen die neu zuziehenden Menschen aufs Land ziehen.
Damit dies möglich wird, braucht es mehr Häuser, mehr Schulen und Strassen und mehr Gleise. Der Siedlungsraum wird dichter und als Raum zur Naherholung weniger attraktiv. Die Menschen werden den Wald verständlicherweise noch häufiger und lieber als Erholungsraum nutzen zum Spazieren mit und ohne Hund, Joggen, Biken, Reiten, Bräteln, Lagern, für Goa-Partys, Kindergeburtstage und so weiter.
Gibt es heute pro Einwohnerin oder Einwohner durchschnittlich 300 Quadratmeter Wald, werden es 2050 noch 250 Quadratmeter sein. Das ist fast ein Fünftel weniger als heute. Auch im Wald wird somit der «Dichtestress» zunehmen.
«Ist es denn ein Problem, wenn Menschen beziehungsweise immer mehr Menschen den Wald als grösste Outdoorarena im Kanton Zürich nutzen?», werden Sie sich fragen. «Der Wald gehört doch allen!»
Ihr Eindruck hat seinen Ursprung im sogenannten freien Betretungsrecht, welches in der ganzen Schweiz im Wald gilt. Eine grossartige Errungenschaft unserer Vorfahren. 60 Prozent der Wälder im Kanton Zürich gehören privaten Waldeigentümerinnen und -eigentümern.
Sie dulden das freie Betretungsrecht, und sie haben keine Steuereinnahmen, mit denen sie den Wald für die Erholungsnutzung unterhalten können. Sie stellen die grösste Zürcher Outdoorarena in der Grösse von 50'000 Fussballplätzen gratis zur Verfügung.
Der volkswirtschaftliche Nutzen eines einzigen Waldbesuchs wird auf 8 Franken geschätzt. Zum Vergleich: Ein Café crème kostet etwa 6 Franken, ein Kinobesuch 20 Franken, ein Eintritt im Fitnessstudio 10 Franken. Überlegen Sie für sich, was Ihnen ein Waldeintritt wert wäre?
Wir werden keine Kassenhäuschen aufstellen am Waldeingang. Und Sie werden auch nie ein Formular erhalten, auf dem Sie für Ihr Waldjahresabo ankreuzen können, ob sie 10 oder 100 Mal pro Jahr in den Wald wollen, ob Sie den Hund mitnehmen und ob Sie auch kinderwagentaugliche Waldwege nutzen wollen. Dennoch ist die Zeit reif, zu prüfen, wie wir als Gesellschaft diese immer bedeutsamer werdende kulturelle Waldleistung von privaten Waldflächen honorieren.
